Ausgrabungen am Burgwall von Lenzen-Neuehaus im Frühjahr 2008

Sonntag, den 20. April 2008 um 13:56 Uhr Prof. Dr. F. Biermann
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Vom 25. März bis 02. April 2008 fand eine weitere Grabungskampagne am Burgwall Lenzen-„Neuehaus“ statt, nunmehr von Seiten des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem BLDAM. Dabei wurden 13 Grabungsschnitte angelegt, die die Innenflächen des großen und des kleinen Burgwalls erforschten.

Im Westen des kleinen Ringwalls wurden zunächst Spuren dichter slawischer und frühdeutscher Bebauung angetroffen. Über verkohlten Wallresten des späten 9. und frühen 10. Jhs. sowie daran anschließenden slawischen Kulturschichten wurden Pfostenlöcher und große Gruben des 12./13. Jhs. beobachtet, die eine randständige Bebauung des im Hoch- und Spätmittelalter als Burghof dienenden mittelslawischen Burgwalls anzeigen; die Gebäude schlossen vermutlich direkt an das große, in den Vorjahren erfasste Turmhaus an.

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Abb. 1: Lenzen-Neuehaus. Planum im Wallbereich der kleinen Burg (Foto F. Biermann).

Im Osten der kleinen Befestigung konnte eine mittelslawische, überaus fundreiche Kulturschichtung erfasst werden. Mehrere steingesetzte, teils sehr große Feuerstellen, einige Pfostenlöcher, ovale Siedlungsgruben und ein Lehmkuppelofen deuten auf die intensive Besiedlung der Ringwallanlage hin, und zwar vor allem im Hinterfrontbereich der Walls.

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Abb. 2: Lenzen-Neuehaus. Grube des 12./13. Jhs. (Foto F. Biermann).

Die Schnitte im großen Burgwall ergaben unter Auelehm eine starke und fundreiche slawische Kulturschicht, einige frühdeutsche Siedlungsbefunde sowie einen Kastenbrunnen, der nach der Keramik in das mittlere 9. Jh. gesetzt werden kann. Er war zwar von der Geländeoberkante aus 1,85 m tief, trotzdem aber gänzlich ausgetrocknet. Der Brunnen durchstieß eine Lehmschicht und teufte auf eine wasserführende Sandschicht ab. Wie die bereits 2006 erfasste Wasserentnahmestelle lag der Brunnen hinter dem Wall und dürfte im Angriffsfalle Löschwasser bereitgestellt haben.

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Abb. 3: Lenzen-Neuehaus. Brunnen, 9. Jh. (Foto F. Biermann).

Von den Funden sind erneut eine sehr große Menge von Keramik (Sukow, Feldberg, Menkendorf, Tornow, Gefäße mit Schnurösen, warzen- und bandförmigen Applikationen sowie Lehmwannenreste, Kugeltopfware und wenige spätmittelalterliche Standbodengefäße), einige Tonspinnwirtel, Wetzsteine, ein Bronzering, ein Blei-Netzsenker, Tierknochen und recht viele Eisensachen (Messer, Krampen, Nägel u. ä.) hervorzuheben. Dazu treten ein vermutlicher Reitersporn und insbesondere eine größere Anzahl von teils beim Aufprall verbogenen Pfeilspitzen. Die Projektile dürften mit Kampfhandlungen an der Burg in Verbindung stehen. Sie konzentrierten sich im Süden des großen Burgwalls, was auf einen Angriff von dort aus hinweisen mag.

An den Arbeiten beteiligten sich die Berliner und Greifswalder Studierenden Marco Dehner, Anne Dombrowsky, Jana Dräger, Raoul Enzenbach, Richard Haupt, Thomas Hinsberger, Marlene Köster, Andreas Lepsien, Christine Lutz, Matthias Mergl, Normen Posselt, Torben Schatte, Philipp Scheide, Gesa Vierk und Holger Warnke. Die Grabungen wurden erneut von Dr. Norbert Goßler, Jörg Hildebrandt, Dr. Thomas Kersting und Thomas Kinkeldey M.A. (BLDAM) unterstützt. Allen genannten Personen sei herzlich gedankt.

Prof. Dr. Biermann