Slawen an der unteren Mittelelbe

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Ausgrabungen in den slawischen Siedlungen Wustrow 10 und Lenzen 32, Kr. Prignitz

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Das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierte Forschungsprojekt zur Besiedlung im Stammesgebiet der slawischen Linonen absolvierte 2008 sein letztes Grabungsjahr. Im Mittelpunkt der Arbeiten im Raum Lenzen standen erneut der Burgwallkomplex Lenzen-Neuehaus (Burg und Vorburg) sowie eine frühslawische Siedlung am Rudower See.

Die Untersuchungen in der Vorburgsiedlung Wustrow 10 (Abb. 1), auf der der Burg gegenüber liegenden Löcknitzseite, konzentrierten sich wie im letzten Jahr auf die Frage nach der Siedlungsstruktur und –topographie im Verhältnis zur Landschaftsgestalt vom 9. bis zum 12. Jahrhundert. Ein zweiter Schwerpunkt bildeten die im Bereich der slawischen Siedlung archäologisch und geophysikalisch dokumentierten Geländerinnen: an ihnen orientierten sich alle bisher ergrabenen Brunnenbefunde. Die Rinnenverfüllungen sollten durch bodenkundliche Analysen zudem Aufschlüsse über die Landschaftsgeschichte erbringen.

Abbildung 1
Abb. 1. Wustrow 10. Grabungsplan 2008 (Grafik: T. Kinkeldey).

Die slawische Besiedlung in Wustrow 10 konzentriert sich vor allem auf den Bereich einer leichten Geländekuppe, die im Westen und Osten von Geländerinnen begrenzt wird. Die 2007 durchgeführte geomagnetische Prospektion führte vor allem auf dieser Anhöhe zur Entdeckung einer durchgängig erhaltenen Kulturschicht. Bei den Grabungen 2008 konnten große Teile des Areals weiter untersucht werden. Die Mächtigkeit der Fundschicht und die Befunddichte nehmen von Nord nach Süd in Richtung auf das Löcknitzufer zu, was darauf schließen lässt, dass Teile der Siedlung bereits durch den Löcknitzlauf aberodiert wurden. Unter den Befunden dominieren Gruben unterschiedlichster Formen und Größen. Nach dem bisherigen Stand unserer Auswertung lassen sich im Moment noch keine klaren Hausstandorte herausstellen, wie sie etwa aus anderen Siedlungen in Form eingetiefter Befunde bekannt sind.


Im Bereich der Geländerinnen konnten wir nach den Kampagnen 2005 und 2007 auch 2008 wieder entsprechende Brunnenbefunde dokumentieren (Abb. 2). Der Kastenbrunnen Bef. 53 lag im Gegensatz zu den bisherigen Anlagen am Rand der westlichen Rinne und konnte durch die Jahrringanalyse einer Spaltbohle auf um/nach 893 datiert werden. Nach der Verfüllung des Brunnens wurde über dem Befund eine Feuerstelle angelegt. Der zweite Brunnen der Kampagne 2008 orientierte sich dagegen wieder an der östlichen Geländerinne. Die hölzerne Kastenkonstruktion wurde nach drei Jahrringdaten kurz nach 865 angelegt. Auf der Brunnensohle, die eine partielle Lage von Rinde und Zweigen aufwies, lagen Keramikscherben vom Menkendorfer Typ. Besonders auffällig war, dass der Brunnen wohl nach kürzerer Benutzungszeit durch ein mächtiges Paket aus eingeschwemmtem, hellem Sandes verfüllt und damit unbrauchbar wurde. Ähnliche Verfüllung zeigten sich an zwei Brunnen aus der Kampagne 2005, die Jahrringdaten von um/nach 854 bzw. um/nach 895 erbrachten. Das Sandpaket dürfte von einem oder mehreren markanten Umweltereignis herrühren, etwa extremen Hochwässern. Indizien für Hochwassereignisse des 10. Jhs. konnten am Burgberg in Lenzen sowie am Burgwall von Meetschow auf der gegenüber liegenden, niedersächsischen Elbseite beobachtet werden.


Abb. 2

Abb. 2. Wustrow 10. Brunnen Bef. 51/53 (links) und Bef. 93 (rechts) (Fotos: N. Goßler u. T. Kinkeldey).

Bodenkundliche Untersuchungen durch Thomas Schatz an den Geländerinnen erbrachten neue Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung in Wustrow 10 (Abb. 3): in den Rinnen lassen sich zwei slawenzeitliche Kolluvien unterscheiden, die durch Sande eines starken Überschwemmungsereignisses getrennt werden; es ist nicht vollkommen ausgeschlossen, dass es infolge dieses Ereignisses sogar zu einer Siedlungsunterbrechung kam. Die Datierung der Sandablagerungen aus den Rinnen sowie den zitierten Brunnen mittels einer optisch stimulierten Lumineszenz-Analyse, kurz OSL, soll zeigen, ob beide Ablagerungen gleichzeitig sind.


Bodenkundliche Untersuchungen durch Thomas Schatz an den Geländerinnen erbrachten neue Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung in Wustrow 10 (Abb. 3): in den Rinnen lassen sich zwei slawenzeitliche Kolluvien unterscheiden, die durch Sande eines starken Überschwemmungsereignisses getrennt werden; es ist nicht vollkommen ausgeschlossen, dass es infolge dieses Ereignisses sogar zu einer Siedlungsunterbrechung kam. Die Datierung der Sandablagerungen aus den Rinnen sowie den zitierten Brunnen mittels einer optisch stimulierten Lumineszenz-Analyse, kurz OSL, soll zeigen, ob beide Ablagerungen gleichzeitig sind.






 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 3. Wustrow 10. Schnitt 21 N-Profil. Schnitt durch östliche Geländerinne mit slawenzeitlichen Kolluvien und trennender Sandschicht (Foto: N. Goßler).

 

Unter dem umfangreichen Fundmaterial der Grabung 2008 können mehrere Miniaturgefäße hervorgehoben werden sowie eine Scherbe vom mittelslawischen Typ Glienke, dessen Verbreitungsschwerpunkt zwar in Mecklenburg liegt, Neufunde der letzten Jahre jedoch auch auf ein verstärktes Vorkommen im Mittelelbegebiet hinweisen. Im Keramikspektrum dominiert die mittelslawische Keramik mit den Typ Menkendorf in einfachen und entwickelten Varianten; dem steht ein relativ geringer Anteil an spätslawischer Gurtfurchenware gegenüber. Unter den diesjährigen Metallfunden sind drei Pfeilspitzen und eine Lanzenspitze erwähnenswert sowie Trachtbestandteile aus Buntmetall in Form eines Schläfenringes sowie einer Riemenzunge. Interessante Funde bilden zwei mutmaßliche Feinwerkzeuge zur Holzbearbeitung und ein Bernsteinhalbfabrikat, das möglicherweise von der Perlenfertigung zeugt. Aus der slawischen Kulturschicht stammt auch das Fragment eines menschlichen Schädeldaches, das nach Begutachtung durch Bettina Jungklaus von einem männlichen Individuum unter 50 Jahren stammt. Die Fragmentierung wird auf die Umlagerung im Boden zurückzuführen sein, während eine menschliche Einwirkung wohl auszuschließen ist.


Der frühslawischen Zeit waren unsere Untersuchungen am nördlichen Ufer des Rudower Sees östlich von Lenzen gewidmet. Nachdem dort 2006 erste Sondagen auf einem Südhang über dem See Siedlungsbefunde mit frühslawischer Keramik vom Typ Sukow erbracht hatten, wurde der Fundplatz 2007 auf einer Fläche von 3 ha geomagnetisch prospektiert (Abb. 4). Im Messbild waren mehrere Konzentrationen magnetischer Anomalien entlang einer Höhenlinie locker verteilt; sie ließen eingetiefte Siedlungsbereiche vermuten.

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Abb. 4. Lenzen 32. Messbild der geomagnetischen Prospektion (Grafik: M. Posselt; Bearbeitung: T. Kinkeldey).

Die am Rudower See auf Grundlage der geomagnetischen Messungen geöffneten Grabungsflächen erbrachten Befundstrukturen aus vier unterschiedlichen Epochen (Abb. 5): von herausragender Bedeutung ist die Siedlung aus der frühen Slawenzeit mit Grubenhäusern und Werkarealen für die Metallverarbeitung; in zwei Fällen waren die slawischen Grubenhäuser in der unmittelbaren Nähe von Grubenbefunden der jüngeren römischen Kaiserzeit angelegt worden. Daneben gelang auch die Entdeckung eines Friedhofes der jüngeren Bronzezeit, von dem wir 17 Urnengräbern dokumentieren konnten, sowie einer großen Ofenanlage unbestimmter Funktion aus der Eisenzeit.


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Abb. 5. Lenzen 32. Grabungs- und Befundplan 2006 und 2008 (Grafik: T. Kinkeldey).

Stellvertretend für die frühslawischen Grubenhäuser soll der Befund 29-31 vorgestellt werden (Abb. 6): das Hauses war ursprünglich mindestens 40 cm tief eingegraben und bot mit Außenmaßen von 4,6 auf 3,6 m eine Wohnfläche von etwa 16,5 qm. Zur Beheizung diente ein aus Steinen gesetzter Herd in der Westecke des Hauses. Das Dach wurde auf der Traufseite von vier Pfosten getragen, an den Längsseiten sind ebenfalls mindestens vier Pfosten zu vermuten. Möglicherweise konnte das Haus von Osten betreten werden. Der Befund verweist durch seine Proportionen und insbesondere die Herdkonstruktion auf die entsprechenden frühslawischen Grubenhäuser des südöstlichen Mitteleuropas sowie Osteuropas. Vergleichbar ist auch ein Befund aus der Ostprignitz bei Dorf Zechlin, bei dem allerdings keine Pfosten beobachtet wurden. Am Rudower See ließen sich weitere, eingetiefte Gebäude, allerdings ohne Pfostenspuren, nachweisen; alle Häuser waren entsprechend der vorherrschenden Windrichtung Südwest-Nordost orientiert ausgerichtet.


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Abb. 6. Lenzen 32. Frühslawisches Grubenhaus mit Pfostenstellungen und Steinherd (Grafik: T. Kinkeldey).

Besonders bemerkenswert für die frühslawische Siedlung sind die Nachweise von metallverarbeitendem Handwerk. Neben Schmiedeschlackenfunden aus einem zweiten Grubenhaus mit Pfostenstellungen ist hier vor allem ein Areal anzuführen, das eine Steinpflasterung und eine auffällige Konzentration von Schmiedeschlacken und Brandlehmfragmenten aufwies. Manche der Brandlehmfragmente zeigen mehrere, oft quer zu einander liegende Abdrücke zeigen, die von einer Flechtkonstruktion herrühren dürften. Es dürfte sich allerdings kaum um Reste eines Ofenaufbaues handeln, eher um Reste der Wandverkleidung von Häusern. Zum Befund gehören weiterhin mehrere Eisenobjekte mit Halbfabrikatcharakter, einige wenige Buntmetallreste sowie zwei größere Schleifplatten. Um das Werkareal waren zwei bis drei eingetiefte Bauten angeordnet. Die Befunde lassen in Ansätzen ein differenziertes Handwerk im Bereich der Eisen- und Buntmetallbearbeitung erkennen.


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Abb. 7. Lenzen 32. Frühslawisches Werkareal eines Schmieds (Grafik: N. Goßler).

Die Eisenverarbeitung deckte sicherlich nur den Eigenbedarf der slawischen Siedler ab, die eigentlichen ökonomischen Grundlagen dürften in der Landwirtschaft mit Getreideanbau und Viehwirtschaft gelegen haben. In den slawischen Befunden fanden sich dazu Getreidekörner, die derzeit untersucht werden, sowie entsprechende Tierknochen. Nach einem noch nicht vollständig ausgewerteten Pollenprofil aus dem Rudower See dürfen wir in slawischer Zeit dort unter anderem Roggenanbau erwarten; im Zuge der slawischen Landnahme kam es zu Rodungen, unter anderem nimmt der Anteil der Hainbuchen ab. Das Pollenprofil beinhaltet auch Indizien für eine Verheidung, Hinweise auf eine damit einhergehende Podsolierung konnten möglicherweise in einigen Grabungsprofilen beobachtet werden.


Die frühslawische Besiedlung kann vorerst nur über die Fundkeramik näher zeitlich eingegrenzt werden: es dominiert der Sukower Typ mit einfachen, aber auch schon fortgeschrittenen Varianten, Verzierungen wie einfache oder doppelte Wellen- bzw. Zick-Zack-Bänder sind nicht mehr selten. Die qualitätvollere Feldberger Ware tritt nur sehr selten auf. Das Gefäßspektrum ist insgesamt von bauchigen Töpfen und wenigen kumpfartigen Gefäßen geprägt. Die genannten Kriterien sprechen für einen Beginn der Besiedlung im 8. Jh. und einen Siedlungsabbruch um die Mitte des 9. Jh. Das besiedelte Areal umfasste in dieser Zeit mindestens 0,6 ha. Die Siedlung bestand aus Wohngebäuden und Werkplätzen zur Metallverarbeitung; letztere waren mutmaßlich an der Peripherie angeordnet.


Dr. Norbert Goßler


Für die engagierte Mitarbeit bei der Ausgrabung ist besonders Herrn Jörg Hildebrandt (Klein Linde) sowie den im Rahmen einer MAE-Maßnahme beschäftigten Damen und Herren Häuser (Lenzen), Rupprecht (Lanz), Schlüns (Lenzen), Schmidt (Lanz) und Völz (Lanz) sehr zu danken. Dank geht auch an die studentischen Mitarbeiter F. Böttger (Leipzig), K. Egli (Berlin), S. Glaß (Bamberg), C. Hergheliu (Berlin), L. Kaumans (Berlin) und A. Leinhos (Leipzig). Besonderer Dank für die gute Kooperation geht an Herrn Dr. T. Schatz (Berlin), Herrn Steinkopf (Lenzen) sowie Herrn U. Seeland (Lanz).