Slawen an der unteren Mittelelbe

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Welfischer Münzschatzfund am Höhbeck

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Im März 2008 wurde im Rahmen einer planmäßigen Geländebegehung im Seegemündungsgebiet am Rande einer spätslawisch-/spätmittelalterlichen Dorfwüstung ein zerpflügter Münzhort aus dem 12. Jh. entdeckt, dessen vollständige Bergung bei einer Notgrabung Anfang April stattfand. Die Prospektion fand in Zusammenarbeit mit der Detektorengruppe Schleswig-Holstein statt, die ganz wesentlich zur Auffindung des Hortes beitrug. Der Fund wirft ein Schlaglicht auf die Verhältnisse zur Zeit Heinrichs des Löwen, die alles andere als ruhig gewesen sind.

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Abb. 1: Einige Münzen im Auffindungszustand während der Nachuntersuchung (Foto: M. Tesch).

Das Seegemündungsgebiet westlich des Höhbecks ist eine besondere Mikroregion, in der das Siedlungsgeschehen seit der Landnahmezeit in starker räumlicher Verdichtung erforscht werden kann. Anfang März 2008 wurden hier einige bekannte slawenzeitliche Fundplätze zum wiederholten Male begangen, um sie nach Oberflächenfunden abzusuchen. Unterstützung erfuhren wir durch die Detektorengruppe Schleswig-Holstein sowie durch ehrenamtliche Helfer aus dem Landkreis. Im Frühjahr 2005 waren hier bereits systematische Oberflächenbegehungen durchgeführt worden, wobei auf einem Acker eine mittelalterliche Dorfwüstung lokalisiert werden konnte. Damals war viel hoch- bis spätmittelalterliche, aber auch slawische Keramik gefunden worden. Am Rande dieser Wüstung stieß an jenem Sonntag Carsten Arle als erster auf zwei Silbermünzen eines zerpflügten Münzschatzes. Weitere 71 Münzen folgten, die mit Hilfe der Detektorengruppe (C. Arle, F. Metzen, M. Scheunemann, M. Stein, M. Tesch) und Kai Martens einzeln eingemessen und geborgen wurden. Sie wiesen eine erhebliche Streuung auf, aber es war klar, dass sie einst gemeinsam vergraben worden waren. Die Funde waren durch das jahrelange Pflügen fast 30 m in Pflugrichtung und ca. 12 m gegen die Pflugrichtung verteilt worden. Die Kartierung der Münzen bildete die Grundlage für die Notgrabung, die in der ersten Aprilwoche stattfand.

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Abb. 2: Im Rahmen einer Notbergung fand mit vielen ehrenamtlichen Helfern die Nachuntersuchung der Fundstelle statt, bei der die Pflugschicht durchgesiebt wurde (Foto: M. Tesch).

Der gesamte Streuungsbereich wurde geöffnet (ca. 370 m2) und die Ackerkrume größtenteils durchgesiebt. Es waren leider keine zum Hortfund gehörenden Befunde mehr erhalten, der gesamte Münzschatz war bereits zerpflügt. Lediglich Wölbackerspuren sowie eine vorgeschichtliche Feuerstelle mit Steinsetzung konnten noch dokumentiert werden.

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Abb. 3: Es wurde sowohl gesiebt als auch mit Metalldetektoren gearbeitet (Foto: J. Stammler).

Beim Sieben und der begleitenden Überprüfung des Aushubs mit den Detektoren wurden weitere 105 Münzen sowie ein silberner Ring geborgen, so dass der Hort nun insgesamt 178 Münzen umfasst. Der Ring entspricht einem Typ der schon seit dem 10. Jh. verbreitet war, aber auch noch im 12. Jh. vorkam. Es ist davon auszugehen, dass er Bestandteil des Münzhorts war, der nun vollständig geborgen sein dürfte.

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Abb. 4: Teil des Münzschatzes, der bei der Nachuntersuchung geborgen wurde (Foto: J. Schneeweiß).

Die Münzen waren ursprünglich sicher in einem organischen Behältnis verwahrt, z.B. in einem Lederbeutel, denn unter den zahlreichen aus der Ackerkrume gesiebten Scherben waren keine, die zu einem Gefäß gehörten, in dem der Schatz gelegen haben könnte. Mit der Ausnahme eines etwas älteren Agrippiners handelt es sich bei allen Münzen um Denare Heinrichs des Löwen aus der herzoglich welfischen Münzstätte Bardowik (1141-1180) vom Typ Bonhoff 67 in zwei Varianten. Der Durchmesser beträgt etwa 17-18 mm, das Gewicht der Einzelmünze ca. 0,9 g. Auf der Vorderseite befindet sich in der Mitte ein Kreuz, in dessen Winkeln je ein Ring sitzt; darum steht kreisrund die Umschrift aus den Worten HEINRIC DVX, dazwischen ein Kreuz. Das ‚N’ in Heinrich ist spiegelverkehrt.

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Abb. 5: Vorderseite (links) und Rückseite (rechts) des Denars Heinrichs des Löwen, aus denen der Hortfund fast ausschließlich besteht.

Insgesamt wurden 177 Münzen dieses Typs geborgen, hinzu kommt ein etwas älterer Agrippiner.
Die Rückseite trägt ein Ornament, das aus drei Gruppen mit dicken waagerechten Strichen sowie Kugeln, Kreuzen und Sternchen zusammengesetzt ist. Es handelt sich um eine verwilderte Nachahmung der Kirchendarstellung auf der Vorderseite von Kölner Pfennigen, die im 12. und 13. Jh. überregional weit verbreitet waren. Die Münzen sind teilweise sehr gut erhalten, z.T. hafteten noch 2-3 aneinander.



Die zügige und erfolgreiche Notbergung des Münzschatzes wäre ohne die tatkräftige Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Helfer nicht möglich gewesen, denen an dieser Stelle namentlich herzlich gedankt sei: Ivonne Baier, Dorothea Feiner, Horst Hingst, Sophie Linnemann, Kai Martens, Peggy Morgenstern, Frederik Pfotzer, Tobias Poremba, Arp Schmidt, Johannes Schmidt, Rolf Schulze, Jan Stammler, Caroline Völker; Ute Vogelsang und Alfred Danneberg aus Trebel, Tina und Werner Domes aus Vietze sowie Carsten Arle, Frank Metzen, Achim Paezoldt, Michael Scheunemann, Martin Stein, Michael Tesch und Oliver Zodrow von der Detektorgruppe Schleswig-Holstein. Unser Dank gilt auch Familie Hünecke, die uns bereitwillig Platz in ihrer Scheune zur Verfügung stellte, und Stephan Hennings, der wesentlich zum Abschluss der Grabung beitrug.




Jens Schneeweiß
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. September 2009 um 15:36 Uhr