Slawen an der unteren Mittelelbe

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Neue Ausgrabungen in der slawischen Siedlung von Wustrow 10

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Die auf der slawischen Siedlung des 9. bis 11. Jahrhunderts von Wustrow 10, Kr. Prignitz, im August 2005 begonnenen Ausgrabungen wurden 2007 durch ein Team des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums (BLDAM) fortgesetzt. Die Geländeuntersuchungen sollten der Frage nachgehen, welche Ausdehnung die einstmals besiedelte Fläche umfasste, welche Befundstrukturen noch erhalten sind und in welchem Verhältnis der Fundplatz zu dem auf der anderen Löcknitzseite direkt benachbarten slawischen Burgwall von Lenzen-Neuehaus (Lenzen Fpl. 9) steht, der vom Anfang des 9. Jahrhunderts bis in die 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts bestand. Als zweiter Schwerpunkt der diesjährigen Forschungen sollten Erkenntnisse über die Landschaftsgestaltung und Siedlungstopographie zur slawischen Epoche gewonnen werden.

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Abb. 1. Wustrow 10. Orange: Schnitte 2005; Rot: Schnitte 2007; Blau: geoelektrische Profile 2007; Gelb: Altarmverlauf nach geoelektrischer Prospektion. Unten im Bild der Burgwall Lenzen-Neuehaus (Kartengrundlage: Google Earth, Bearbeitung R. Herd, Th. Kinkeldey).

Zur Vorbereitung der diesjährigen Kampagne wurde im Auftrag des BLDAM durch die Fa. Posselt & Zickgraf (Marburg/Lahn u. Traisa) im Bereich der Fundstelle auf einer Fläche von 1 ha eine geomagnetische Prospektion durchgeführt (Abb. 2). Die Messungen ergaben westlich vom Schnitt 2/2005 ein Areal von ca. 1.300 qm mit einer auffälligen Häufung geomagnetischer Anomalien; topographisch ist dieser Bereich durch eine leichte Kuppe charakterisiert, die im Osten von einer auffälligen Senke begrenzt wird, die sich in nordwestlicher Richtung durch das Gelände zieht. Auch östlich von Schnitt 2/2005 sowie im Bereich von Altschnitt 1/2005 ergab die Magnetik Bereiche mit Anomalien, deren Dichte und Signalstärke weniger stark als im Westen der Fundstelle ausfallen.


 

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Abb. 2. Wustrow 10. Messbild der geomagnetischen Prospektion mit unterlegtem Geländerelief (Graphik: M. Posselt, Bearbeitung Th. Kinkeldey).

Weiterhin führte die Technische Universität Cottbus (Juniorprofessur für Rohstoff- und Ressourcenwirtschaft, Prof. Dr. Herd) im Auftrag des BLDAM eine geoelektrische Prospektion durch (sog. Multi-Elektroden-Verfahren oder 2-D-Tomographie). In drei bis zu 238 m langen Profilen wurde dabei im Bereich des Fundplatzes nach Spuren alter Löcknitzarme gesucht, die aufgrund entsprechender Luftbildbefunde zu vermuten waren (Abb. 1). Die Ergebnisse der Geoelektrik wurden in zusätzlichen Bohrungen überprüft. In den drei gemessenen Profilen konnte ein Senkenbefund dokumentiert werden (Abb. 3), der von Nordwesten kommend den Fundplatz in Richtung Südwesten durchzieht und auch in Schnitt 6 archäologisch nachzuweisen war. Seine tonige, an einer Stelle auch muddeartige Verfüllung lässt eine Deutung als Altarm zu.



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Abb. 3. Wustrow 10. Geoelektrisches Profil, Modell des elektrischen Widerstandes: links zeichnet sich der Altarm in Blautönen ab (Graphik: R. Herd; Bearbeitung N. Goßler).

Während der Grabungskampagne 2007 (15. August bis 24. Oktober) wurden sechs Schnitte (Abb. 4) geöffnet, die insgesamt 660 qm umfassten: Schnitt 3 und 4 untersuchten die Befundsituation und Stratigraphie dicht an sowie innerhalb der Böschung zur Löcknitz, Schnitt 5 schloss östlich an den Altschnitt 2/2005 an, der drei Brunnenbefunde erbracht hatte. Schnitt 6 fungierte als Gesamtquerschnitt durch den durch die Lesefunde angezeigten Fundplatzbereich, während die Flächen 8-11 zur Sondierung der Ausdehnung der slawischen Kulturschicht nach Westen, Norden und Osten dienten. Schnitt 7 schließlich wurde zur Erkundung einer punktuellen geomagnetischen Anomalie angelegt.



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Abb. 4. Wustrow 10. Übersicht über die Schnitte und Befunde der Jahre 2005 und 2007 (Graphik: Th. Kinkeldey).

Die Grabungen an den Kanten zur Löcknitz (Schnitt 3 und 4) ergaben, dass am Böschungsfuß die anstehenden Schwemmsandschichten durch fluviatile Erosion abgetragen worden waren (Abb. 5). Aufliegend war abgeschwemmter moderner Ackerhorizont mit Resten der slawischen Kulturschicht. Der heutige Böschungsverlauf entspricht also nicht der Uferlinie in slawischer Zeit. Schnitt 5 vor der Uferkante erbrachte wie im westlich anschließenden Altschnitt 2/2005 einen 0,4-0,5 m mächtigen AP-Horizont, unter dem sich eine 0,4-0,5 m starke slawische Kulturschicht mit Befunden erhalten hatte. Im nördlichen Teil der Fläche von Schnitt 5 fehlt die Kulturschicht aufgrund von starken Beeinträchtigungen durch den modernen Ackerbau.



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Abb. 5. Wustrow 10. Profil im Böschungsbereich der Löcknitz (Foto: Th. Kinkeldey).

Im Bereich der leichten Geländekuppe im westlichen Teil des Fundplatzes, die in der Geomagnetik zahlreiche Anomalien aufgewiesen hatte, konnte in den Schnitten 6 sowie 8 bis 11 unter einem bis zu 0,4 m starken AP-Horizont eine zusammenhängende, inkl. Auswaschungshorizont 0,5 bis 0,6 m mächtige slawische Kulturschicht nachgewiesen werden, die bisher mindestens eine Fläche von 1200 qm umfasst. Erhaltene Befunde waren aus dieser Kulturschicht in die unterliegenden Sande eingetieft worden. Östlich der Geländekuppe ist die Kulturschicht nur noch in Resten erhalten, teilweise abgeschwemmt und vom modernen Pflug zerstört.

Insgesamt 45 Befunde wurden 2008 dokumentiert, von denen 41 in das slawische Mittelalter datiert werden können. Bei 12 Objekten handelt es sich um Reste der Kulturschicht, acht weitere Befunde sind wahrscheinlich ebenfalls in diese Kategorie einzureihen. 12 Befunde sind als Siedlungsgruben zu interpretieren (Abb. 6). Die Gruben enthielten u. a. Keramik, Tierknochen, Holzkohlereste und zerglühte Herdsteine. Herdstellenreste in Form von kleineren Flächen gebrannten Lehms ließen sich viermal nachweisen. Möglicherweise gehört auch eine kleine Steinsetzung in dieses Spektrum. Auf der Geländekuppe im Westen fand sich zudem eine flache Rinne.



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Abb. 6. Wustrow 10. Grubenbefund 34 in Profil und Planum (Foto: Th. Kinkeldey).

Besondere Bedeutung besitzen zwei mutmaßliche Brunnenbefunde: in Schnitt 5 wurde eine Grube dokumentiert, die in den oberen Abschnitten von Planum und Profil stark dem nur 5-6 m westlich gelegenen Brunnen Bef. 10 aus Altschnitt 2/2005 ähnelte (Abb. 7). Sie war im Gegensatz zu diesem Befund, der bis in zwei Meter Tiefe reichte, allerdings nur bis 1,50 m unter GOK eingegraben worden und stellt möglicherweise den Versuch einer Brunnenabteufung dar; Holzreste fehlen. Vermutlich Reste einer vollständig fertig gestellten Brunnengrube stellt Bef. 40 dar, der in eine den Fundplatz von Nordwest nach Südost durchziehende Senke eingegraben worden war; an seiner Sohle befand sich eine kleine Fundkonzentration von Tierknochen.


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Abb. 7. Wustrow 10. Versuch der Eingrabung für einen Brunnen (Foto: Th. Kinkeldey).

Die erwähnte Senke, die im heutigen Geländerelief nicht mehr wahrnehmbar ist, weist eine Tiefe von bis zu 1,6 m unter GOK auf. Unter ihr folgt der anstehende Sand (Abb. 8). Sie ist mit lehmigen bis schluffigen Sedimenten verfüllt, darunter liegt die slawische Kulturschicht, die östlich der Senke ausläuft, sowie an der Sohle weitere Schwemmschichten mit Lehm und Schluff. Eine Senke ließ sich auch im Westen der leichten Geländeerhöhung dokumentieren: hier bestanden die oberen Verfüllschichten aus Sand, der weiter unten lehmig-schluffig wurde. Unterlagert wurde dieses Paket wiederum durch die slawische Kulturschicht, die im Westen aus der Senke heraus wieder ansteigt und sich fortsetzt. Die Senkensohle lag ungefähr bei 1,10 m unter GOK. In Schnitt 7, der zur gezielten Untersuchung einer geomagnetischen Anomalie angelegt worden war, fand sich eine massive Konzentration von Raseneisenerz, die offenbar die stark abweichenden Magnetwerte verursacht hatte.



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Abb. 8. Wustrow 10. Altarmsenke mit slawischer Kulturschicht (Foto: Th. Kinkeldey).

Im Fundmaterial dominiert die mittel- und spätslawische Keramik, die sich aus den Typen Menkendorf sowie Fresendorf, Vipperow und Teterow zusammensetzt. Aus Ton wurden auch zahlreiche Spinnwirtel gefertigt. Brandlehmfragmente könnten von der Verkleidung der Hauswände, aber auch Herdstellen zeugen. Wetzsteine und Schleifplatten dienten zur Schärfung der Messer, von denen über zwei Dutzend geborgen werden konnten. Weitere Eisenfunde gehören zu Feuerstählen, Eimerbeschlägen und Pfriemen. Besondere Erwähnung verdienen ein silberner Wendepfennig aus der 1. Hälfte des 11. Jahrhundert, ein Bleigewicht in Form einer kleinen Scheibe, Reste eines oder mehrerer Kämme aus Geweih sowie das Unterteil einer Drehmühle (Abb. 9-10). Tierknochen zeugen von der Haustierhaltung, Geweihreste von der Jagd. Auf handwerkliche Tätigkeiten weisen Reste von Verhüttungsschlacke und möglicherweise ein kleiner, klumpenförmiger Produktionsrest aus Buntmetall hin Aufgrund der Keramik und der Fundmünze sind die Siedlungsbefunde in den Zeitraum vom 9. bis zum 11. Jahrhundert zu stellen; 2005 konnten zwei ergrabene Kastenbrunnen mit Hilfe von Jahrringdaten in die 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts datiert werden.

 

 

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Abb. 9. Wustrow 10. Unterteil einer Drehmühle im Planum (Foto: N. Goßler).

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Abb. 10. Wustrow 10. Unterteil einer Drehmühle in der Seitenansicht (Foto: N. Goßler).

Nach den Ergebnissen der Grabungskampagnen 2005 und 2007 ergibt sich folgendes Bild: am Fundplatz Wustrow 10 bestand vom 9. bis zum 11. Jahrhundert eine slawische Siedlung, deren bisher festgestellte, größtmöglichste Ausdehnung mindestens 160 x 50 m betrug. Die Siedlungsareale verteilten sich entlang der Löcknitz und wurden durch eine oder mehrere Senken unterteilt, die Reste alter Löcknitzarme darstellen, während der Besiedlung jedoch vermutlich schon teilweise zugeschwemmt waren. Bei hohen Wasserständen könnten die Senken jedoch noch Wasser geführt haben. An den Rändern der zentralen Senke wurden die Brunnen zur Wasserversorgung angelegt. Die Siedlung fungierte seit ihrer Gründung in der 2. Hälfte des 9. Jh. vermutlich als Vorburgkomplex zum Burgwall Lenzen Fpl. 9, der am gegenüberliegenden Ufer der Löcknitz liegt. Das 2007 geborgene Bleigewicht liefert darauf einen wichtigen Hinweis. Welche Verkehrsanbindung zwischen Burg und Siedlung bestand, ist noch unklar. Siedlungsreste, die dem zeitlichen Spektrum des Fundplatzes Wustrow 10 entsprechen, fanden sich bei Grabungen im März 2007 am südlichen Löcknitzufer, direkt nördlich des Burgwalls Lenzen-Neuehaus. Aufgrund ihrer schlechten Erhaltung ist eine genaue Deutung schwierig. Taucharchäologische Sondierungen im Bereich der Löcknitz zwischen Vorburgsiedlung und Burg durch den Verein für Unterwasserarchäologie Berlin-Brandenburg e. V. im September 2007 haben bisher keinen Hinweis auf eine Brückenverbindung erbracht. Die Grabungen am Fundplatz Wustrow 10 sollen 2008 fortgesetzt werden.



Dr. Norbert Goßler

Für die engagierte Mitarbeit bei der Ausgrabung ist den im Rahmen einer MAE-Maßnahme beschäftigten Damen und Herren Rupprecht (Lanz), Schlüns (Lenzen) und Schmidt (Lanz) sowie den studentischen Mitarbeitern K. Legler (Leipzig), A. Noack (Greifswald), M. Pohl M. A. (Potsdam), K. Prescher (Halle) und D. Tiemann (Hamburg) sehr zu danken. Besonderer Dank für die gute Kooperation geht an Prof. Dr. R. Herd (Technische Universität Cottbus, Juniorprofessur für Rohstoff- und Ressourcenwirtschaft), M. Posselt M. A. (Firma Posselt & Zickgraf Prospektionen) und Rene Bräunig M. A. (Verein für Unterwasserarchäologie Berlin- Brandenburg e. V.).
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. September 2009 um 15:38 Uhr