Slawen an der unteren Mittelelbe

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Start Beiträge Beiträge 2006/7 Ausgrabungen an den Burgwällen Lenzen-Neuehaus und Lenzersilge (Prignitz) 2007

Ausgrabungen an den Burgwällen Lenzen-Neuehaus und Lenzersilge (Prignitz) 2007

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Wie schon in den Vorjahren (s. die entsprechenden Berichte auf dieser Website), wurden auch im Jahre 2007 Ausgrabungen an den beiden Burgwällen von Lenzen-Neuehaus und Lenzersilge, Kr. Prignitz, durchgeführt. Die Arbeiten nahm der Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald in Kooperation mit dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (Wünsdorf) vor.

Am Burgwall von Lenzersilge, einem ovalen Ringwall in der Löcknitzniederung, waren schon in den Vorjahren Ausgrabungen und geophysikalische Prospektionen erfolgt. Bei der Grabungskampagne im Mai/Juni 2007 erfassten mehrere Schnitte den Grabenring (Abb. 1) sowie Wallreste der heute völlig abgetragenen und durch eine Straße teilweise überbauten Befestigung, so dass die Ausdehnung der Anlage nun zuverlässig rekonstruiert werden kann. In der Burg konnte auf größerer Fläche die noch bis zu 1 m starke Innenflächenstratigraphie dokumentiert werden, die aus einer Hauptkulturschicht und darüber gelegenen Mischhorizonten besteht. Etliche Gruben meist oval-amorpher Form, eine steingesetzte Herdstelle und eine mindestens 4 m lange, ovale und wannenförmige Grube mit Ofen belegen die Siedlungsnutzung der Burg (Abb. 2). Dazu wurde ein exzellent erhaltener Kastenbrunnen mit Baumstammröhre festgestellt, schon der zweite Brunnen vom Fundplatz. Beide Brunnen können dendrochronologisch in die erste Hälfte des 9. Jhs. gesetzt werden, was zusammen mit den zeitlich einordenbaren Funden für eine Datierung der Burg in diesen Zeitraum und wohl noch in etwas spätere Zeit spricht. Bei der Keramik handelt es sich im Wesentlichen um Feldberger und Sukower Typ.Dazu kommen diverse Eisenfunde, Wetzsteine, Spinnwirtel, ein Schmuckring u. ä.

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Abb. 1: Lenzersilge. Blick auf den Burggraben (Foto F. Biermann).

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Abb. 2: Lenzersilge. Siedlungsgrube im Burgwall (Foto F. Biermann).

Am zweiteiligen und mehrphasigen Burgwall Lenzen-Neuehaus wurde im März und im August 2007 gegraben. Den Forschungsschwerpunkt bildete der Südabschnitt des kleinen Ringwalls, wo über der mittelslawischen Befestigung auch eine frühdeutsche Bebauung lag (Abb. 3). Zunächst wurden in diesem Bereich der Wall des kleinen Ringwalls freigelegt, der über der an Feldberger und Sukower Keramikscherben reichen Kulturschicht des älteren großen Burgwalls erbaut worden war – ein deutlicher Beleg für die zeitliche Abfolge vom großen zum kleinen Ringwall. Der Wall besaß zwei hintereinander gestaffelte Sektionsreihen in Holz-Erde-Konstruktion, von denen die innere durch ein vom Hof ausgehendes Schadenfeuer zerstört worden war. Infolgedessen ließ sich die Holzkonstruktion dieser Sektion, die vermutlich in das frühe 10. Jh. zu datieren ist, ausgezeichnet in der Fläche erfassen: durch zahlreiche quer zur Wallrichtung positionierte Balken stabilisierte Kästen. Im Anschluss an den Wall zeugten Scherbenpflaster, steingesetzte Herde, Estriche und diverse Gruben von einer intensiven Besiedlung. Über den slawischen Befunden lagen Relikte intensiver Bautätigkeit des späteren 12. und 13. Jhs., darunter weitere Wandabschnitte des schon im Vorjahr beobachteten Pfostenturmhauses, Kellergruben, eine Göpel- oder Mühlengrube und andere Siedlungsbefunde. Auch die slawenzeitlichen Befestigungen waren in jener Zeit erneuert worden, wie 2007 und in den Vorjahren angelegte Schnitte im Wall-Grabenbereich ergaben.

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Abb. 3: Lenzen-Neuehaus. Grube des 12./13. Jhs. im slawenzeitlichen Wallbereich (Foto F. Biermann).

Im großen Ringwall wurden ebenfalls Flächen geöffnet, die die bekannte fundreiche Kulturschicht, Feuerstellen und weitere Siedlungsbefunde ans Tageslicht brachten. Das Fundmaterial aus Lenzen-Neuehaus umfasst wieder zahlreiche Keramikfragmente (Sukow, Feldberg, Menkendorf, Tornow u. ä., Scherben mit plastischen Auflagen, Schnurösengefäße, Lehmwannenreste und Teller, außerdem große Mengen Kugeltopfware und – im Zusammenhang mit dieser Keramik – ein spätslawisches Gefäß), Spinnwirtel, Wetzsteine und Eisensachen sowie eine winzige blaue Glasperle.

Für ihre engagierte Mitarbeit bei den Ausgrabungen ist folgenden Greifswalder Studierenden und Doktoranden sehr zu danken: Mihaela Bejinariu, Alexej Dose, Jana Dräger, Mario Erich, Alexandra Gruhne, Andreas Kieseler, Thomas Kinkeldey M. A. (jetzt BLDAM), Stefanie Kirchner, Stefan Klatt, Claudia Noack, Susanne Papenfuß, Monika Peiz, Martin Planert, Normen Posselt, Alexander Pust M. A., Ole Storm und Holger Warnke; außerdem geht mein herzlicher Dank an Dr. Norbert Goßler, Dr. Thomas Kersting und Jörg Hildebrandt vom BLDAM für die vielfältige Unterstützung bei den Grabungen und der Auswertung sowie an Dr. K.-U. Heußner (Deutsches Archäologisches Institut Berlin) für die Jahrringdatierungen.

PD Dr.Felix Biermann

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 10:57 Uhr