Slawen an der unteren Mittelelbe

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Start Beiträge Beiträge 2006/7 Burgwall von Friedrichsruhe

Burgwall von Friedrichsruhe

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Zum aktuellen Stand der archäologischen Arbeiten am slawischen Burgwall von Friedrichsruhe, Lkr. Parchim (Grabungskampagne 2006)

Die archäologischen Arbeiten 2006 konzentrierten sich – wie schon im Jahre 2005 – vor allem auf den östlichen Vorburgbereich (Abb. 1).

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Abb. 1. Übersichtsplan mit den Grabungsschnitten 2004 (Wallschnitt) und 1-8 (blau: 2005; rot: 2006). Vorburgsiedlung - Torbereich

 

Vorburgsiedlung - Torbereich

Im Rahmen einer Prüfungsgrabung zur Fortbildung zum lizenzierten Grabungstechniker an der Römisch-Germanischen-Kommission in Frankfurt/Main wurde im Mai und Juni ´06 der vermutliche Torbereich der Vorburgsiedlung untersucht (Schnitt 5/Leitung: St. Haucke).

Die 15 x 15 m große Grabungsfläche wurde aufgrund der Ergebnisse der geophysikalischen Untersuchungen (Geomagnetik/Georadar – H. Petersen, Universität Kiel sowie Geoelektrik – Dr. Thomas Schenk, Berlin) ausgewählt, in denen eine den Vorburggraben querende Anomalie deutlich nachzuweisen war und im Vorfeld der archäologischen Ausgrabungen als Torsituation interpretiert wurde. Diese Interpretation bestätigte sich dann bereits während des Mutterbodenabtrages, als sich die Anomalie im Planum als dammartige Struktur zu erkennen gab, die den Verlauf der Grabenbefestigung (vgl. Bericht 2005) auf einer Breite von bis zu 3 m im Bereich der Grabungsfläche unterbricht (Abb. 2-1 und 2). Der Damm konnte auf einer Länge von 9 m dokumentiert werden; die Breite betrug 2,6 m – 3,0 m. Die Längsseiten werden von – in der Regel schlecht erhaltenen – Pfostenreihen flankiert, die sicherlich zum Unterbau eines ehemaligen Bohlenweges oder einer Dammbefestigung gehörten.

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Abb. 2. Blick über den Torbereich der Vorburgsiedlung (Schnitt 5). 1- Damm; 2- Grabenbefestigung; 3- Pfostengräbchen der Torhauskonstruktion; 4- Pfosten für die vermutliche Verengung des Tordurchganges.

Der Damm endet im Bereich der Grabenbefestigung und geht dann in zwei kleine, im Abstand von etwa 2,5 m parallel verlaufende Gräben über. In die Gräben waren dicht aneinander stehende, runde Pfostengruben mit z.T. noch erhaltenen hölzernen Pfosten eingetieft (Abb. 2- 3). Die Durchmesser der 13 nachgewiesenen Pfostengruben liegen zwischen 30 cm und 50 cm; die Tiefen schwanken zwischen 5 cm und 65 m. Vermutlich handelt es sich dabei um die Reste einer Torhauskonstruktion, wie sie u.a. aus Groß Raden, Lkr. Güstrow, bekannt ist. Zwischen den beiden Pfostenreihen wurden weitere Pfostengruben nachgewiesen (Abb. 2-4), die wahrscheinlich der Verengung des Durchganges dienten, um eine bessere Kontrolle zu ermöglichen.

Ein Erdwall – wie er in den Schnitten 2 bis 4 eindeutig nachgewiesen wurde, konnte im Schnitt 5 nicht beobachtet werden. Wahrscheinlich war dieser durch Landwirtschaft und Melioration bereits vollständig zerstört, eine vollständige Rekonstruktion des Torbereiches ist somit nur bedingt möglich.

Aus dem Fundmaterial, dass hauptsächlich aus Keramik und Tierknochen besteht, heben sich ein komplettes schädelechtes Rothirschgeweih, vier weitere schädelechte Geweihstangen, bei einer ist eine Spitze abgesägt, sowie zwei bearbeitete Geweihspitzen ab, da eine solche Konzentration von Geweihstangen in dem kleinen Bereich recht ungewöhnlich ist. Es könnte sich dabei um die Werksabfälle bzw. ein Geweihdepot eines Kammmachers handeln, jedoch dürfte auch ein rituell-kultischer Hintergrund im Eingangsbereich der Vorburgsiedlung nicht auszuschließen sein. In diesem Zusammenhang sind auch die Reste eines eisernen Schwertes zu sehen (Abb. 3), das im Schnittpunkt von Damm und Grabenbefestigung geborgen werden konnte. Das stark korrodierte, noch 50 cm lange und etwa 6-9 cm breite Stück weist dabei vermutlich noch die Reste der hölzernen Scheide auf; die Schneide zeigt nach Ost, der Griff nach West. Anhand von Knauf und der Parierstange dürfte es sich um ein Schwert des Typ Petersen M handeln, der allgemein in das 9.- 10. Jahrhundert datiert wird. Bei diesem Fund könnte durchaus von einer rituellen Niederlegung in Form eines Bauopfers ausgegangen werden, da solche Niederlegungen im Torbereich slawischer Burgen mehrfach bekannt sind.

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Abb. 3. Schwertfund aus dem Torbereich (Schnitt 5).

 

Vorburgsiedlung - Innenraum

Darüber hinaus wurden von Juni bis November 2006 wiederum größere Bereiche im Innenraum der Vorburgsiedlung archäologisch untersucht (Schnitt 6-8/Leitung: S. Messal und B. Wollschläger - Abb. 1). Dabei wurde Schnitt 6 so gelegt, dass ein Anschluss an den Schnitt 2 erfolgte, in dem bereits 2005 erste Siedlungsbefunde – darunter ein Grubenhaus – dokumentiert wurden. Schnitt 8 wurde südwestlich versetzt zu Schnitt 6 angelegt.

Die Untersuchungen in den Schnitten 6 und 8 belegten – wie dies bereits auch schon 2005 nachgewiesen werden konnte – dass größere Flächen der höher gelegenen zentralen Bereiche der Vorburgsiedlung durch Landwirtschaft und Melioration stark gestört bzw. z.T. auch schon zerstört sind. Die Befunde waren in der Regel zerpflügt und nur noch bis zu wenigen cm erhalten (Abb. 4). Die ursprüngliche Struktur des untersuchten Bereiches lässt sich allerdings doch noch recht deutlich nachvollziehen.

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Abb. 4. Stark gestörter Grubenrest mit Pflugspur (Schnitt 6).

Im nördlichen Teil von Schnitt 6, knapp zehn Meter östlich des 2005 freigelegten Hausbefundes, konnte in diesem Jahr ein weiteres Grubenhaus mit einem 3 x 1,6 m erhaltenen, rechteckigen Umriss dokumentiert werden (Abb. 5).

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Abb. 5. Grubenhaus mit Webgewicht (Pfeil) aus dem nördlichen Teil von Schnitt 6.

Die Bebauung in der Vorburgsiedlung orientiert sich offenbar an der Wallkonstruktion, in deren Schutz die Häuser standen. Diese Form von wallnaher Bebauung ist auch aus anderen slawischen Burgwällen bekannt und dürfte eine geläufige Bebauungsstruktur darstellen. In der Verfüllung des Hauses konnten neben Keramik auch eine Glasperle und zwei vollständig erhaltene Webgewichte geborgen werden, die vielleicht auf die Nutzung des Hauses als Webhütte hinweisen.

Im südlichen Bereich des Schnittes 6 ließen sich dagegen keine eindeutigen Baustrukturen nachweisen. Unterhalb eines Pflughorizontes, in dem bereits zahlreiche Funde geborgen wurden, kam jedoch eine großflächige Kulturschicht zutage, in die mehrfach Befunde, u.a. ein Ofen, mehrere Steinpackungen oder Gruben, eingetieft waren (Abb. 6).

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Abb. 6. Reste einer großflächigen Kulturschicht aus Schnitt 6 mit eingetieften Steinpackungen und Schlackekonzentrationen (Vordergrund).

Innerhalb dieser Kulturschicht fanden sich auch Reste von Herdstellen, zahlreiche holzkohleartige Schlacke- und Aschekonzentrationen sowie in einer größeren Zahl auch Schmiedeschlacken, die z.T. auch Hammerschlag aufwiesen (Abb. 7).

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Abb. 7. Großflächige Holzkohleschicht mit zahlreichen Schlackeresten (Schnitt 6-Süd).

Offenbar wurde der Bereich als Werkareal benutzt, in dem handwerkliche Tätigkeiten durchgeführt wurden. Die Anwesenheit eines Schmiedes ist aufgrund der zahlreichen Schmiedeschlacken, aber auch durch Essesteine – die zum Schutz des Blasebalges dienten – oder ein Tiegelfragment sehr stark zu vermuten.

Die südliche Ausdehnung des Werkareals ist derzeit noch unklar. Die westliche Grenze des Werkplatzes konnte sicher bestimmt werden, aus Schnitt 8 sind keine Hinweise mehr auf handwerkliche Tätigkeiten bekannt. Dort ließen sich einige wenige Gruben und die Reste einer Kulturschicht nachweisen. Im Osten wird das Areal vermutlich durch die Befestigung begrenzt. Nach Norden hin wird das Areal schließlich von einem befundfreien Raum begrenzt, an dessen nördlichen Ende sich die Hausbefunde anschließen. Dieser befundfreie Bereich stellt gleichzeitig eine Achse zwischen dem Tor der Vorburgsiedlung und dem des Burgwalls dar; sie liegen annähernd auf einer Linie (Abb. 1).

 

Burgwall/Vorburgsiedlung – Torbereich und Weg

Mit Schnitt 7 sollte darauf hin geklärt werden, inwieweit die heutige Öffnung im Burgwall – aus der ein neuzeitlich aufgeschütteter Damm führt – überhaupt in slawischer Zeit als Tor existierte (Abb. 8).

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Abb. 8. Blick auf Schnitt 7. Im Hintergrund ist der vermutliche Torbereich des Burgwalles zu erkennen.

Zu diesem Zweck wurde der Damm auf einer Breite von 1,5 m geschnitten. Dabei konnte festgestellt werden, dass der neuzeitliche Damm auf einer slawischen Weggründung aufgeschüttet wurde, die auf der Sohle des Schnittes nachgewiesen wurde (Abb. 9).

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Abb. 9. Reste eines slawischen Weges auf der Sohle von Schnitt 7. Der darüber angelegte Damm ist eine neuzeitliche Aufschüttung.

Da keine Holzerhaltung gegeben war, bleibt eine absolute Datierung derzeit offen, das keramische Material belegt allerdings eine slawische Datierung. Durch die Wegführung dürfte auch das Tor des Burgwalles belegt werden, weitere Untersuchungen sind dort nicht vorgesehen.

Interessanterweise fand sich auch in der neuzeitlichen Aufschüttung – diese Datierung geht auf zahlreichen Eisen- und Glasschrott zurück – sehr viel slawische Keramik, so dass davon auszugehen ist, dass das Erdmaterial des Dammes ursprünglich vom abgetragenen Teil des Burgwalls stammen dürfte.

 

Fundmaterial

Im Rahmen der archäologischen Untersuchungen konnte wiederum eine große Zahl an Funden geborgen werden. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Keramik, die nach ersten Einschätzungen den Menkendorfer und Sukower Warenarten zugeordnet werden können. Der Feldberger Typ bleibt wie im Vorjahr nur schwach vertreten. Zu den keramischen Funden gehören auch Reste von Lehmwannen, die wahrscheinlich beim Trocknen von Getreide verwendet wurden, sowie Webgewichte und Spinnwirtel, die im Rahmen der Textilproduktion genutzt wurden. Darüber hinaus fanden sich zahlreiche Schleifsteine.

Objekte aus Eisen sind nur vereinzelt geborgen worden. Häufig sind dies jedoch aufgrund der starken Korrosion kaum mehr als Bruchstücke, von denen nur wenige Messerfragmente neben dem bereits erwähnten Schwert als bestimmbare Eisenfunde anzuführen sind.

In großer Zahl wurden wiederum Perlen aus Glas gefunden, die in der Regel beim Schlämmen des aus den Befunden stammenden Erdmaterials erkannt werden. Die Perlen sind größtenteils importiert – u.a. finden sich Perlen, deren Herkunft im Orient zu suchen ist – nur wenige kleine, blaue Ringperlen könnten auf eine lokale slawische Produktion verweisen, auf die auch ein Glasschmelzrest hinweist. Eine Perle ist weiterhin aus Bernstein hergestellt worden.

Zu den besonderen Funden gehört auch das Fragment eines Thorshammers, der aus Bernstein hergestellt wurde.

Das Fundmaterial wird schließlich durch stein- und bronzezeitliche Stücke, u.a. Feuersteinbeile und Feuersteinpfeilspitzen, vervollständigt. Hervorzuheben ist dabei allerdings eine so genannte Stielspitze aus Feuerstein, die in das Spätpaläolithikum (späte Altsteinzeit, 12.000 bis 10.000 vor Chr.) datiert.

 

Ausblick und Umfeld

Im Rahmen der diesjährigen Ausgrabungen im Vorburgbereich des Burgwalles von Friedrichsruhe wurde eine Fläche von 1.319,5 m2 untersucht; insgesamt konnten somit bereits 2.469,5 m2 des Siedlungskomplexes archäologisch freigelegt werden. Die Untersuchungen der kommenden zwei Jahre (2007/08) sollen sich vor allem in den niedriger liegenden südlichen Teilen der Vorburgsiedlung konzentrieren, da in diesen Arealen die Befunderhaltung vermutlich deutlich besser ist als in den zentralen Bereichen, die durch eine umfangreiche Störung gekennzeichnet sind. Diese Flächen werden jedoch durch Sondageschnitte partiell untersucht, um das Ausmaß der Zerstörung festzustellen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen zu ergreifen.

Im Frühjahr ´06 wurde darüber hinaus durch ein Team des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege M-V im Umfeld des Burgwalles erste umfassende Prospektionen durchgeführt. Die Begehungen konzentrierten sich dabei in einem Radius von etwa 1,5 km um den Burgwall. Vor allem Flächen, die aufgrund ihrer topographischen Lage besonders günstig für Siedlungsaktivitäten erschienen, wurden während des etwa dreiwöchigen Unternehmens aufgesucht. Das Ziel, unbekannte Siedlungsplätze im Umfeld des Burgwalles zu lokalisieren, wurde dabei eindrucksvoll erreicht, da mehr als 30 neue Fundstellen verschiedener Zeitstellungen festgestellt wurden. Im Material der mehrperiodigen Fundplätze ist in der Regel auch slawisches Material (alt- bis jungslawisch) angetroffen worden; in einem Fall konnte eine vermutliche Siedlungsstelle ausschließlich in die ältere Slawenzeit datiert werden. Dieser Platz dürfte demnach mit dem Burgwall zeitgleich sein. Die Prospektionen sollen im kommenden Jahr vertieft und ausgeweitet werden, wobei der Schwerpunkt dabei auf Plätzen mit slawischem Material liegen wird. Es ist vorgesehen, an diesen Plätzen auch Bohrsondagen und kleinere Suchschnitte anzulegen, um das Verhältnis von Burgwall zum zeitgleichen ländlichem Raum zu beleuchten.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 12:25 Uhr