Slawen an der unteren Mittelelbe

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Beiträge Beiträge 2006/7 Grabungen am frühslawischen Siedlungsplatz von Lenzen 32

Grabungen am frühslawischen Siedlungsplatz von Lenzen 32

E-Mail Drucken PDF

Der Fundplatz Lenzen 32 liegt am nördlichen Ufer des Rudower Sees in etwa 80 m Entfernung vom Ufer (Abb. 1). Auf einem leicht geneigten Hang konnte in den Jahren 2004 und 2005 bei Oberflächenbegehungen auf dem frisch gepflügten Acker eine dunkle Verfärbung mit Ausmaßen von ca. 3 auf 5 m festgestellt werden. Als Oberflächenfunde wurden aus der Verfärbung frühslawische Gefäßfragmente vom Sukower Typ aufgelesen werden. Die 2006 durchgeführte Grabung erschloss den Bereich der Verfärbung mit insgesamt sechs Sondageschnitten von 2 x 4 m.

Lenzen32Abb01
Abb. 1. Lage des Fundplatzes am Rudower See.

Im Bereich der beschriebenen Verfärbung konnten insgesamt fünf Befunde dokumentiert werden. Besondere Bedeutung kommt dabei Befund 1 zu, den Resten eines Grubenhauses bzw. einer eingetieften Wohngrube (Abb. 2): unter dem 0,30-0,35 m starken Ap-Horizont, der bereits Reste der darunter liegenden Grubenverfüllung enthielt, zeigte sich eine annährend quadratische Grube mit den Maßen 3,4 auf 3,8 m, die durch den Pflug bereits stark abgetragen war und nur noch bis in eine Tiefe von 0,5 m unter GOK erhalten war. Sie war in gelben, z. T. mit gröberem Kies durchsetzten Sand bis auf den anstehenden Geschiebemergel eingegraben worden, der in dieser Hanghöhe ausläuft und durch Sande ersetzt wird (Abb. 3-4). Innerhalb der Grubenfüllung fanden sich zahlreiche Gefäßfragmente vom frühslawischen Typ Sukow (Abb. 5), Holzkohle, Steine mit Spuren von Hitzeeinwirkung sowie einige Tierknochen, die keine besondere Verteilung zeigen. Aus der darüber liegenden Pflugschicht stammen zudem Scherben vom Feldberger Typ.


Lenzen32Abb02
Abb. 2. Eingetiefte Wohngrube (Bef. 1) im Planum.

Die mutmaßliche Hausgrube wird an ihrer Nordecke von einer ovalen Grube (Bef. 5) mit flachem, muldenförmigen Profil geschnitten, die nur noch 0,16 m tief erhalten war und deren Durchmesser ca. 0,5 m beträgt; aus ihrer Verfüllung stammt ebenfalls Keramik vom Sukower Typ. Ein weiterer Grubenrest (Bef. 4) ließ sich rund 0,5 m nordöstlich von Befund 1 feststellen: das im gelben Sand eingegrabene, noch 0,44 m tiefe, trichterförmige Profil legt eine Deutung als Pfostengrube nahe. An den Rändern der Grube lagen zudem einige Steine. Leider fehlt datierendes Fundmaterial aus diesem Befund. Zwischen Befund 1 und Befund 4 konnte beim weiteren Abgraben im Geschiebemergel eine dritte grubenartige Eintiefung (Bef. 6) dokumentiert werden, die aufgrund stratigraphischer Beobachtungen älter als Befund 4 sein muss. Im Planum besaß die Grube eine ovale Form (Durchmesser ca. 0,8-0,9 m), war aber nur noch 0,1 m tief erhalten. Aus ihrer Verfüllung konnten mehrere Keramikfragmente geborgen werden, die möglicherweise in die späte Römische Kaiserzeit oder die Völkerwanderungszeit weisen könnten.

Lenzen32Abb03
Abb. 3. Eingetiefte Wohngrube (Bef. 1) im N-Profil.


Lenzen32Abb04
Abb. 4. SE-Sektor eingetiefte Wohngrube (Bef. 1) im W- und N-Profil.

Der zweite große, frühslawische Grubenbefund lag etwa 2,6 m nordöstlich: Befund 2 stellte sich im Planum als ovale, West-Ost ausgerichtete Grube dar, die ca. 2,7 auf 1,7 m maß. Im Profil war unter dem beschriebenen Ap-Horizont eine flache, muldenförmige Eingrabung von noch 0,2 m Tiefe zu erkennen, die zur einen Hälfte auf dem gelben Sand, zur anderen auf dem Geschiebemergel auflag. Die Zusammensetzung des Fundmaterials aus der Grubenverfüllung ist nahezu identisch mit der aus Befund 1. Aufgrund der geringeren Größe liegt eine Deutung als Abfallgrube nahe.


Lenzen32Abb05
Abb. 5. Sukower Gefäßunterteil in der Verfüllung von Bef. 1.

Hangabwärts wurde 28 m südöstlich von den Sondagen 1-5 und 7 Sondage 6 (2 x 4 m) angelegt. Unter der 0,25 m starken Ackerschicht ließ sich ein sandiger, mit Tiergängen durchsetztes Horizont beobachten (0,5 m Mächtigkeit), der durch Band mit gröberen Kies abgeschlossen wurde und schließlich ab einer Tiefe von 0,9 m unter GOK vom anstehenden Geschiebemergel abgelöst wurde. Im erwähnten sandigen Horizont waren die Rest einer 0,85 auf 0,35 m großen, flachen, grubenartigen Eintiefung erhalten (Bef. 3), die einige urgeschichtliche Scherben enthielt. Am Hangfuß wurde schließlich Sondage 8 in einer Entfernung von 6 m zu Sondage 6 geöffnet (2 x 4 m). Der Ap-Horizont umfasste hier bereits 0,45-0,6 m. Auf ihn folgte der schon beschriebene sandige Horizont (0,2-0,4 m stark) mit abschließendem Kiesband (0,15-0,2 m), in dem sich einige wenige Keramikscherben urgeschichtlicher Machart fanden. Der anstehende Geschiebemergel trat dann ab einer Tiefe von 1,2 unter GOK auf.

Lenzen32Abb06
Abb. 6. Sukower und Feldberger Keramik aus der Grabung Lenzen 32.

Aus den Verfüllungen von Befund 1 und 2 wurden zahlreiche Gefäßfragmente vom frühslawischen Typ Sukow geborgen, die zu bauchigen Töpfen und Schalen gehören (Abb. 6 oben). Es treten sowohl einfache, rund abgestrichene Ränder als auch schon kantigere Ausprägungen auf. Die Randkante eines Gefäßprofils zeigt schräge Einkerbungen, auf der Schulter hingegen tritt ein einfaches Wellenband auf, das auch eine weitere Wandungsscherbe schmückt. Aus dem Pflughorizont über den Befunden 1 und 2 stammen einige Rand- und Wandungsscherben vom Feldberger Typ mit Wellenband- und Randkantenverzierung (Abb. 6 unten). Das Fundinventar der frühslawischen Befunde wird durch aufgrund von Hitze zersprungenen Herdsteine, Holzkohle und Tierknochen ergänzt, insgesamt deutliche Belege für die Siedlungsaktivitäten am Fundplatz. Möglicherweise liegt als Lesefund auch das Bruchstück eines slawischen Spinnwirtels vor. Aus dem stratigraphisch älteren Befund 4 stammen einige Wandungsscherben, von denen zwei horizontale Rippen aufweisen, die möglicherweise auf eine Datierung in die späte Römische Kaiserzeit oder Völkerwanderungszeit hindeuten.

Am Fundplatz 32 der Gemarkung Lenzen erbrachte die durchgeführte Grabung den Nachweis einer Siedlungsstelle der frühslawischen Zeit. Dokumentiert wurden sind eine eingetiefte Hausgrube, die vermutlich den Standort eines Blockbaues markiert sowie eine zugehörige Siedlungsgrube. Aufgrund der geborgenen frühslawischen Keramik vom Typ Sukow und Feldberg wird die Siedlungsstelle im 8. und in der 1. Hälfte des 9. Jh. bewohnt worden sein. Ob die Siedlung ein größeres Areal einnahm, ist im Moment nicht sicher zu sagen. Zwei hangabwärts, in Richtung Seeufer angelegte Sondagen erbrachten keine weiteren Hinweise auf frühslawische Befunde. Auch im Oberflächenfundmaterial aus dem weiteren Umfeld der Grabung deutet sich keine ausgedehnte slawische Besiedlung an. Unter der aufgelesenen Keramik dominiert eindeutig urgeschichtliches Material, das Siedlungsaktivitäten in der vorrömischen Eisen- und Römischen Kaiserzeit nahe legt.


Dr. Norbert Goßler


(Fotos u. Zeichnung N. Goßler, BLDAM)


Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 11:07 Uhr