Slawen an der unteren Mittelelbe

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Start Beiträge Beiträge 2006/7 Die Grabungskampagne 2005 am Burgwall von Friedrichsruhe

Die Grabungskampagne 2005 am Burgwall von Friedrichsruhe

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Die archäologischen Untersuchungen 2005 konzentrierten sich vornehmlich auf die östlich an den Burgwall anschließende Vorburgsiedlung.

Diese wurde im Februar/März 2005 vollständig mit der Geomagnetik sowie partiell mit dem Georadar geophysikalisch prospektiert. Die Wahl der Grabungsschnitte orientierte sich deshalb vor allem an den Ergebnissen des Georadars.

Insgesamt wurde eine Fläche von 1050 m² archäologisch untersucht, in der überwiegend die Konstruktion der Vorburgbefestigung – bestehend aus einem in Holz-Erde-Konstruktion errichteten Wall und einem vorgelagerten Graben – freigelegt und dokumentiert werden konnte. Die Befestigung wurde ausschließlich auf dem torfigem Untergrund unmittelbar am Rand der sandigen Kuppe errichtet; der trockene, sandige Untergrund der Kuppe, auf der sich die Vorburgsiedlung erstreckt, wurde nicht in Anspruch genommen. Dies hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass die trockene Kuppe vornehmlich als Standort für die Gebäude bestimmt war.

Der Erdwall der Vorburgbefestigung wurde im Inneren durch ein in Kastenbauweise errichtetes Innengerüst stabilisiert, das in vergleichbarer Form auch vom Burgwall bekannt ist. Die Kästen waren mit Erdreich und Torf verfüllt und häufig noch gut erhalten. Die Vorder- und Rückfront des Walles wurden zusätzlich durch Plankenwandkonstruktionen aus waagerecht angeordneten Bohlen gesichert, die das Abfließen der Wallaufschüttung verhindern sollten.

Unmittelbar vor dem äußeren Wallfuß wurde die Berme freigelegt, die aus zwei Lagen von quer zum Wall verlaufenden, bis zu 4,6 m langen und 25 cm mächtigen Eichenbalken bestand. Die Balken wurden durch beidseitig eingeschlagene Pfosten fixiert. Mit der Berme erfolgte der Übergang zum Graben. Auf der Sohle des Grabens fanden sich zahlreiche, teilweise in Schwemmsandschichten eingelagerte Hölzer, darunter Bretter und zwei Ösenbalken, aber auch grobes Astwerk. Auffallend sind einige, parallel zur Berme gesetzte Pfosten aus Weichholz, die kaum eine konstruktive Funktion besessen haben dürften. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Annäherungshindernis.

Da aufgrund der Lage der Befestigung auf dem torfigem Untergrund und des hohen Gewichtes die Gefahr des Einsinkens in den weichen Boden bestand, der unweigerlich zur Zerstörung des Walles geführt hätte, wurde unterhalb, aber auch vor und hinter den Kästen  eine Substruktion aus Hölzern angelegt. Diese Holzlage bestand – wie am Burgwall auch – aus sekundär verlagerten Bauhölzern und grob zugeschlagenem Astwerk. Bemerkenswert sind auch zwei in die Substruktion verbaute, bis zu 10 m lange halbierte Baumstämme. Einer dieser Baumstämme datiert aufgrund der Jahrring-Datierung in das Jahr 62 n. Chr. und somit in die ältere Kaiserzeit. Er wurde wohl von den slawischen Siedlern entdeckt und schließlich beim Bau der Befestigung genutzt.

Neben den Befunden der ehemaligen Befestigung wurden im Bereich der Grabungsflächen des Jahres 2005 auch einzelne Siedlungsbefunde dokumentiert. Dabei handelt es sich vorwiegend um Gruben, deren Funktion bislang noch nicht geklärt werden konnte. Darüber hinaus wurde ein Gebäuderest untersucht. Dabei handelt es sich um ein Grubenhaus, das knapp 5 m hinter dem Wallfuß angetroffen wurde. Der Befund besitzt einen 4 x 3 m großen, annähernd rechteckigen Grundriss mit einer Ausbuchtung an der östlichen Querseite; dabei dürfte es sich um den ehemaligen Eingangsbereich handeln. Reste einer Herdstelle wurden an der gegenüberliegenden westlichen Querseite erfasst. Im Sohlenbereich des muldenförmigen Profils sind zwei Laufhorizonte erkennbar, die als ehemalige Fußböden zu interpretieren sind. Weiterhin konnten auch die Reste einer großflächigen Kulturschicht untersucht werden. Diese etwa 20 cm mächtige Schicht wurde nur im nördlichen Teil von Schnitt 1 nachgewiesen; im höher gelegenen Südteil der Fläche war sie nicht mehr erhalten. In die Schicht waren nur wenige Befunde eingebettet. Es handelt sich dabei vor allem um die Reste eines Kuppelofens und um einzelne Herd- und Feuerstellen.

Bei den Untersuchungen konnten auch in großer Zahl Funde geborgen werden. Den Hauptanteil bildet die Keramik. Sie ist vornehmlich der mittelslawischen Menkendorfer Ware zuzuordnen. Sehr zahlreich tritt aber schätzungsweise auch der Sukower Typ auf. Feldberger Keramik ist nach dem derzeitigen Stand der Auswertung nur mit geringen Mengen vertreten.
Zum typischen Inventar slawischer Siedlungen gehören Spinnwirtel und Wetzsteine; sie sind auch in Friedrichsruhe sehr zahlreich geborgen worden. Einzelne Knochenpfrieme, eine Knochennadel sowie mehrere Fragmente von Eisenmessern sind ebenfalls dem alltäglichen Haushaltsinventar zuzu¬ordnen. Hervorzuheben ist auch ein kleines tönernes Objekt mit Stichverzierung auf der Oberseite, bei dem es sich wohl um einen Spielstein handelt. Zum Fundmaterial gehören auch 14 Glasperlen. Diese wurden einerseits importiert (u.a. Wespenperle, Augenperle), andererseits aber wohl lokal hergestellt. Auf die Glas¬verarbeitung bzw. Perlenherstellung innerhalb der Vorburgsiedlung verweisen zahlreiche Glas¬schmelzreste sowie eine verschlackte Seg¬mentperle, bei der es sich wohl um eine Fehl¬produktion handelt.
Neben der Glasverarbeitung konnten auch andere Handwerkszweige in Friedrichsruhe belegt werden. Die Knochen- und Geweihverarbeitung ist aufgrund von bearbeiten Knochen- und Geweihresten, u. a. eine kleine gesägte Knochenplatte, die wohl zur Kammherstellung vorgesehen war, nachgewiesen. Zahlreiche Schmiedeschlacken belegen die Metallverarbeitung innerhalb der Vorburgsiedlung.

Aufgrund der ausgezeichneten Holzerhaltung konnten während der Grabungen 2004 und 2005 zahlreiche Hölzer beprobt und zur dendrochronologischen Untersuchung an das Zentrum für Holzwirtschaft der Universität Hamburg geschickt werden. Die bislang vorliegenden Jahrringdaten erlauben eine erste chronologische Einordnung von Burgwall und Vorburgsiedlung. Sie zeigen, dass bereits im späten 8. Jh. eine Befestigung um die Sandkuppe errichtet wurde; dies belegen Jahrringdaten mit Kernsplint aus dem Wallkern (Kästen/Pfosten) der Vorburgbefestigung. Es ist daher anzunehmen, dass im Zuge der Errichtung dieser ersten Burg die gesamte Kuppe befestigt wurde. Die datierten Konstruktionshölzer des Burgwalls selbst (Kästen/Pfosten, Grabung 2004) lassen den Schluss zu, dass dessen Errichtung dann in einem zweiten Schritt in den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts erfolgte. Der heute noch sichtbare Burgwall wurde einfach in den westlichen Bereich der bereits bestehenden Befestigung hineingebaut.
Eine Ausbauphase dieses Burgwalls kann für die Zeit um 859 n. Chr. mit der Errichtung des inneren Wallfußes nachgewiesen werden. Interessanterweise erfolgte annähernd zeitgleich mit der Konstruktion der Grabenbefestigung und des Grabens auch ein Ausbau des östlichen Teils der älteren Befestigung, so dass anzunehmen ist, dass diese als befestigte Vorburgsiedlung weiterhin bestand. In der Zeit des späten 9. Jh. erfolgte am Burgwall schließlich eine Erneuerung des äußeren Wallfußes. Jüngere Bauphasen der Burganlage konnten in den durch Abtrag gestörten Profilen nicht ermittelt werden.

Durch die dendrochronologischen Ergebnisse lassen sich auch Hinweise auf eine vermutlich ältere Vorgängersiedlung erschließen: So verweisen einzelne Jahrringdaten von bearbeiteten Hölzern (um/nach Daten) aus der Substruktion der ältesten Befestigung in die Mitte des 8. Jh. Sie könnten somit von baufällig gewordenen Gebäuden oder Einbauten stammen und wären dann als Hinweis auf eine möglicherweise am Ort bestehende, unbefestigte Siedlung zu werten. Ob diese Annahme stimmt, kann nur durch die Fortführung der Grabungen im Bereich der Vorburg geklärt werden.

Aufgrund des derzeitigen Forschungsstandes – der allerdings noch zur Vorsicht mahnt – lässt sich eine erste, noch zu prüfende Hypothese der Bebauungsgeschichte auf dem Sandhorst von Friedrichsruhe formulieren: Die slawische Besiedlung auf dem Fundplatz begann wohl um die Mitte des 8. Jh. mit der Anlage einer vermutlich unbefestigten Siedlung. Im späten 8. Jh. bzw. um 800 erfolgte die Befestigung dieser Siedlung, die sich möglicherweise über die gesamte Kuppe erstreckte. Um 830 wurde schließlich der stark befestigte Burgwall in den westlichen Teil der älteren Befestigung hineingebaut. Die ältere Befestigung wurde allerdings nicht aufgegeben, sondern als Vorburgbereich weiterbesiedelt und auch ausgebaut, wie die Anlage eines Grabens mit Grabenbefestigung belegt. Die Burg Friedrichsruhe hätte demnach eine ähnliche Entwicklung genommen, wie sie nach den Untersuchungen von E. Schuldt (1967) für die Burg Neu Nieköhr/Walkendorf im Landkreis Güstrow angenommen wird.

Die Grabungsarbeiten sollen 2006 vor allem in den zentralen Bereichen der Vorburgsiedlung fortgesetzt werden.


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Abb. 1. Luftbild von Friedrichsruhe mit den Ausgrabungsflächen 2005 (Foto: G. Wetzel).


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Abb. 2. Blick auf die Kastenkonstruktion der Vorburg (Foto: S. Messal).


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Abb. 3. Blick auf die Grabenbefestigung (Berme) während der Grabungsarbeiten (Foto: S. Messal).



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Abb. 4. Blick auf die Substruktion der Vorburgbefestigung. Zu erkennen sind zahlreiche, wohl sekundär verbaute Konstruktionshölzer (Foto: S. Messal).



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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 11:26 Uhr