Slawen an der unteren Mittelelbe

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Ausgrabungen am Fundplatz Wustrow 1, Kr. Prignitz

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Der Fundplatz liegt 250 m nördlich der Löcknitz und 650 m südlich der heutigen Ortslage Wustrow auf einer von Talsandflächen umgebenen Sandinsel. Direkt östlich der Fundstelle verläuft eine feuchte Niederung; Luftbilder zeigen, dass hier vermutlich ehemals ein alter Löcknitzarm existierte. Unter den Oberflächenfunden vom Areal befindet sich vor allem Keramik der Eisenzeit, der Römischen Kaiserzeit sowie des slawischen und deutschen Mittelalters.

Im Bereich der Ackeroberfläche am Fundplatz konnten mehrfach verschiedene großflächige Verfärbungen beobachtet werden. Zwei kleine im Herbst 2004 durchgeführte Spatensondagen ergaben den Nachweis einer Kulturschicht mit slawischen und vorgeschichtlichen Funden. Im Februar 2005 wurde der Acker auf einer Fläche von ca. 4 ha geomagnetisch durch die Uni Kiel prospektiert. Der Grabungsschnitt wurde von NW nach SE am Hang der Geländekuppe angelegt und bis in den Niederungsbereich gezogen.
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Stratigraphie am Fundplatz: Ackerhorizont-dunkle zweiteilige Fundschicht-anstehender Sand

Die Befunderhaltung im Grabungsschnitt war durch moderne Bodenbearbeitung und Erosion vor allem im unteren Hangbereich beeinträchtigt. Unter dem Ackerhorizont fand sich eine ausgeprägte Fundschicht mit einer maximalen Stärke von 0,4 m. Bei dieser Schicht war eine Zweiteilung festzustellen: das obere, in der Regel weniger mächtige Schichtpakte ist durch eine schwarzgraue Färbung gekennzeichnet, es enthält slawische Keramik und solche der Eisen- und Römischen Kaiserzeit sowie Tierknochen. Der untere, meist umfangreichere Abschnitt zeigt eine mehr graubraune Färbung: in ihm dominiert nun eindeutig die Tonware der Eisen- und Römischen Kaiserzeit sowie große Mengen Tierknochen. Die beschriebene Fundschicht stellt – zumindest in ihrem oberen Teil - aufgrund ihres durchmischten Charakters sicher keine originäre Kulturschicht dar, sondern dürfte aus den Eingriffen durch die moderne Bodenbearbeitung resultieren.
w 1 bild 2.jpgSpätslawische Gruben im Planum 1

 

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Spätslawische Grube in Fundschicht der vorrömischen Eisenzeit und Römischen Kaiserzeit

 

Im Schnitt wurden die Überreste von sieben Gruben erkannt. Von der Grubenverfüllung waren in der Regel nur noch 0,1-0,3 m erhalten. Fünf der Objekte sind in spätslawische Zeit zu stellen, bei einem ist nicht auszuschließen, dass es sich um eine bereits in vorgeschichtlicher Zeit angelegte Grube handelt. Dem Fund von Fischresten in einer Grube nach zu urteilen, dienten die Objekte unter anderem zur Abfallentsorgung. Am westlichen Ende des Schnittes wurde eine große Grube aufgedeckt, die ca. 0,5 m unter GOK eine kompakte, bis zu 0,4 m starke Lage von gebranntem Lehm, Holzkohle und spätslawischer Keramik enthielt, in einer Ausdehnung von etwa 0,9 m auf 1,2 m. Dieser Befund korrespondiert mit der an dieser Stelle gemessenen Anomalie der Geomagnetik. Die teilweise großteiligen Brandlehmfragmente lassen Bestandteile einer Lehmtenne oder einer Ofenwandung erkennen. Weitere Hinweise auf eine Ofenanlage fanden sich an dieser Stelle aber nicht. Möglicherweise diente auch diese Grube zur Abfallentsorgung.
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Befund 1: Spätslawische Grube mit Brandlehmverfüllung

 

Unter der slawischen Keramik dominiert eindeutig die spätslawische Gurtfurchenware; mittelslawische Beispiele wurden bisher noch nicht erkannt. Die frühslawische Zeit ist bisher durch einen Rand vom Feldberger Typ sowie weitere mutmaßliche unverzierte Randscherben vertreten. Im vorgeschichtlichen Material sind Scherben der jüngeren vorrömischen Eisenzeit sowie solche der Römischen Kaiserzeit vertreten, unter anderem mit vielfältiger Rädchenverzierung. Aus den genannten vorgeschichtlichen Perioden sind auch einige Spinnwirtel zu nennen. Das keramische Spektrum wird durch einige Belege frühdeutscher Kugeltopfware des 12. Jahrhunderts abgerundet, möglicherweise ein Hinweis für ein Fortbestehen der slawischen Siedlung. Unter den Metallfunden sind zunächst Messer, Nägel, eine Spitze, ein Pfriem sowie ein werkzeugähnliches Objekt (Bohrer?) aus Eisen zu nennen; die meisten Objekte werden der slawischen Besiedlung zuzurechnen sein. Es sei allerdings auch auf ein Messer der Römischen Kaiserzeit verwiesen. Weitere Belege für die spätslawische Epoche bilden zwei Schläfenringe, davon einer aus punzverziertem Hohlblech, und zwei Messerscheidenbeschläge, darunter wiederum ein Vertreter mit Punzverzierung. Neben dem umfangreichen Fundmaterial an Tierknochen sei auch auf Funde von Eisenschlacke hingewiesen: sie dürften am ehesten mit der Besiedlung der Römischen Kaiserzeit in Verbindung stehen.

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Befund 1: Brandlehmkonzentration beim Abbau

Am Fundplatz Wustrow 1 konnten Reste von Siedlungen der jüngeren vorrömischen Eisenzeit, der Römischen Kaiserzeit sowie des slawischen Mittelalters freigelegt werden. Der gewählte Grabungsausschnitt erlaubt allerdings noch keine detaillierten Aussagen über die Siedlungsstruktur; zudem ist die Befunderhaltung durch die moderne Bodenbearbeitung in Verbindung mit Erosion eingeschränkt. Innerhalb der slawischen Epoche ist die spätslawische Zeit dominierend, während die früheren Abschnitte bisher nur schwach vertreten sind. Es sei allerdings darauf verwiesen, dass sich unter den zahlreichen Oberflächenfunden der letzten Jahrzehnte doch eine ganze Reihe von Belegen für die früh- und mittelslawische Zeit befinden. Auffallend sind die Funde von Schläfenringen und Messerscheidenbeschlägen, darunter qualitätvolle Exemplare mit Punzverzierung, die nicht zum üblichen Fundspektrum einer offenen Siedlung gehören.

 



Dr. Norbert Goßler

(Quelle Bilder: N. Goßler, BLDAM)
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 11:08 Uhr