Slawen an der unteren Mittelelbe

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Ausgrabungen am Fundplatz Wustrow 10, Kr. Prignitz

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Der Fundplatz liegt direkt am Nordufer der Löcknitz auf der westlichen Gemarkung Wustrow, auf der gegenüberliegenden Flussseite befindet sich ca. 150 m in südwestlicher Richtung der slawische Burgwall Fundplatz 9 der benachbarten Gemarkung Lenzen.

Auf der Uferterrasse konnten Oberflächenfunde in Form von vorgeschichtlicher und mittelslawischer Keramik sowie verbrannten Steinen in loser Streuung über eine Entfernung von 150 m und einer Breite von ca. 50 m aufgelesen werden, das größte Fundaufkommen stellt sich unmittelbar an der mitunter steilen Abbruchkante zur Löcknitz hin ein. Vor allem aufgrund der direkten Nachbarschaft zum Burgwall Lenzen 9, der mittlerweile slawische Keramik des 9. und 10. Jahrhundert in Verbindung mit entsprechenden Befestigungsphasen geliefert hat, wurde der Fundplatz Wustrow 10 für eine Grabung von August bis Mitte September 2005 ausgewählt.

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Bef. 32: Rest einer mittelslawischen Abfallgrube mit Fischschuppen- und gräten

Schnitt 1 wurde parallel zur Uferkante angelegt, ausgehend von der beobachteten Fundstreuung an der Feldoberfläche. Schnitt 2 wurde ungefähr 40 m westlich von Schnitt 1 in N-S-Ausrichtung bis an die Uferkante platziert. Die Entdeckung dreier Brunnenanlagen in diesem Schnitt erforderte die Erweiterung der Fläche in westlicher Richtung. Die Befunderhaltung in Schnitt 1 muss als schlecht bezeichnet werden. Auch in Schnitt 2 waren Spuren der modernen Bodenbearbeitung  bis in eine Tiefe von 0,5 m unter GOK nachweisbar; die Befundansprache wurde zusätzlich durch teilweise schwierige Bodenverhältnisse erschwert.

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Bef. 5: Slawische Brunnengrube

Um Reste von Pfosten könnte es sich bei fünf Objekten handeln, zwei davon sind möglicherweise älter als die nachgewiesene Besiedlung der slawischen Epoche; die Pfostenreste stammen sowohl aus Schnitt 1 als auch aus Schnitt 2. Fünf Grubenobjekte wurden in Schnitt 1 aufgedeckt; nach den Resten der Verfüllung in einem Befund mit Holzkohle und Fischschuppen und –gräten zu urteilen, dürfte es sich um slawische Abfallgruben handeln; auch in Schnitt 2 konnten die Reste von insgesamt sechs Gruben aufgedeckt werden. Ein Befund aus Schnitt 2 zeichnet sich durch eine Anhäufung von durchglühten Steinen, Holzkohle und Keramik aus, möglicherweise die Spuren einer Herdstelle; direkt über diesem Befund folgt eine flächige schlickig-sandige Schicht mit einem flächigen Durchmesser von ca. 2,4 m, die auch slawische Keramik, Holzkohle und Steine enthielt. Dieser Befund könnte als Hausfußboden mit Sandstreuung angesprochen werden. Ein Pfosten könnte ebenfalls zu dieser Anlage gerechnet werden.

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Bef. 27: Slawische Brunnengrube mit Resten der Holzverkleidung

In Schnitt 2 wurden insgesamt drei Brunnenanlagen freigelegt: es handelt sich um zwei Kastenbrunnen mit rechteckigem Grundriss und um einen Baumstammbrunnen. Beide Kastenbrunnen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden, reichten bis in eine Tiefe von 2,10 m unter der heutigen GOK. Von der Holzverschalung der Brunnenschächte mit Spaltbohlen blieb jeweils nur die unterste Lage erhalten; lediglich die Eckpfosten reichten tiefer. Für eine Jahresringdatierung wurden aus beiden Befunden Proben der Eckpfosten sowie der untersten Bohlenlage geborgen. Der erste Brunnenschacht maß 0,8-0,9 auf 1,3 m, während der zweite Brunnen mit 1,3 auf 2,0 m größer ausfiel. Unter den Brunnenanlagen wurden verschiedene Muddeschichten im Wechsel mit sandigen Ablagerungen beobachtet. Leider enthielten die Sedimente der Brunnenverfüllungen kaum Funde, so dass eine vorläufige Datierung im Moment lediglich auf der Beobachtung aufbauen kann, dass beide Anlagen von einer Kulturschicht mit mittel- und spätslawischer Keramik überdeckt werden. Die endgültige Datierung muss die Ergebnisse der Jahresringanalyse abwarten.

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Eckpfosten aus slawischer Brunnengrube Bef. 27 mit Beilspuren

Direkt neben den Kastenbrunnen lag ein Baumstammbrunnen, dessen Holz allerdings nur noch als dunkle Verfärbung erkennbar war. Im Planum besaß der Brunnen einen Durchmesser von 0,6 m. Der Brunnen reichte nur bis 1,68 unter GOK, war also deutlich niedriger abgetieft worden als die beiden Kastenbrunnen. In seiner Verfüllung befanden sich Scherben vorgeschichtlicher Machart, aber vermutlich auch solche der slawischen Epoche. Im Moment ist nicht ausgeschlossen, dass diese Brunnenanlage älter als die slawische Besiedlung des Platzes ist.

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Bef. 28: Querschnitt durch den Baumstammbrunnen

Die Hauptmasse der Funde besteht aus slawischer Tonware, wobei der größere Teil der mittelslawischen Keramik (insbesondere Typ Menkendorf) zuzurechnen ist; daneben sind jedoch auch spätslawische Randprofile vertreten. Nur wenige Scherben sind vorgeschichtlicher Machart. Unter den Metallfunden sind besonders zahlreiche slawische Messerfragmente zu erwähnen. Die vorgeschichtliche Besiedlung des Platzes ist durch das Bruchstück einer Griffzungensichel der Bronzezeit vertreten. Aus der slawischen Kulturschicht stammen auch Tierknochen. Hinzuweisen ist schließlich auch auf Funde von Eisenschlacke.

Am Fundplatz Wustrow 10 konnte eine slawische Siedlung des 9./10. bis 11./12. Jh. erfasst werden. Die erfassten Befunde, neben Gruben und einigen Pfosten vor allem ein Hausfußboden und zwei Brunnenanlagen, erlauben noch keine detaillierten Aussagen über die räumliche Struktur der Siedlung. Eine Vorbesiedlung des Platzes deutet sich durch einige Scherben vorgeschichtlicher Machart sowie den Fund einer bronzezeitlichen Sichel an; möglicherweise kann auch ein Baumstammbrunnen der vorgeschichtlichen Belegung der Fundstelle zugeordnet werden. Die weitere Auswertung des slawischen Fundmaterials muss vor allem das zeitliche Verhältnis zum nahe gelegenen Burgwall Lenzen 9 näher untersuchen. Möglicherweise fungierte die Siedlung in mittelslawischer Zeit als eine Art Vorburgsiedlung.


Dr. Norbert Goßler

(Quelle Bilder: N. Goßler, BLDAM)


Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. August 2009 um 11:09 Uhr