Slawen an der unteren Mittelelbe

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Slawen und Franken am Höhbeck (Ldkr. Lüchow-Dannenberg)

Am Unterlauf der Mittelelbe grenzen die Bundesländer Brandenburg und Niedersachsen aneinander. Die Elbe trennt hier das Hannoversche Wendland von der Prignitz. Gegenüber Lenzen, der westlichsten brandenburgischen Stadt, liegt - im Osten des Landkreises Lüchow-Dannenberg - der Höhbeck. Er hebt sich als ovale Moräneninsel aus der Niederung der Elblandschaft heraus. Im frühen Mittelalter verlief der Elbstrom gespalten nördlich und südlich des Höhbeck. Bis zum Bau der Elbdeiche im 13./14. Jahrhundert durchzogen zahlreiche Flußarme das Urstromtal und bildeten ein weitverzweigtes Rinnensystem, in das sich die Elbhochwasser verteilen konnten.

Die bedeutendste archäologische Fundstelle des Höhbeck ist die Vietzer Schanze aus dem frühen 9. Jahrhundert. Es handelt sich um eine rechteckige Wehranlage mit einer Ausdehnung von etwa 65 x 165 m. Auf natürliche Weise ist sie durch den Steilabfall zur Elbe im Norden und ein tief eingeschnittenes Bachtal im Osten geschützt. Die Basisbreite des Walles beträgt 11,7 m, die maximale Höhe 2,0 m. Ausgrabungen (C. Schuchhardt und E. Sprockhoff) belegen, daß die Vorderfront des Hauptwalles durch kräftige, senkrechte Holzpfosten gestützt wurde, die mit Holzbohlen hinterlegt waren. Der Wallfuß besaß eine Steinverkleidung aus Findlingen. West- und Südwall sind durch mächtige Brandschichten gekennzeichnet. Der vorgelagerte, etwa 3 m tiefe und zirka 9 m breite Spitzgraben war zur Stabilisierung mit Heideplaggen ausgekleidet. In der Mitte des Südwalles befand sich eine Toranlage.

Die Gleichsetzung der Vietzer Schanze mit dem in den fränkischen Reichsannalen genannten castellum Hohbuoki wird durch namenkundliche und archäologische Indizien gestützt. Die Errichtung einer karolingischen Befestigung auf dem Höhbeck gegenüber von Lenzen, dem Hauptort der slawischen Linonen, ist im Zusammenhang mit einer Sicherung der fränkischen Ostgrenze an der Elbe zu sehen. In diesem ethnischen Grenzraum trafen Sachsen und Slawen aufeinander. Möglicherweise wurden im Bereich des Höhbeck bereits 789 fränkische Befestigungswerke angelegt, als Karl der Große auf einem Kriegszug gegen die slawischen Wilzen die Elbe überquerte. Des Kaisers Sohn Karl führte 808 sein Heer über eine Elbbrücke gegen die Linonen. 810 eroberten die Wilzen das Höhbeck-Kastell. Zum Jahre 811 berichten die Reichsannalen von einem Heerzug gegen die Linonen und vom Wiederaufbau des im Vorjahr zerstörten fränkischen Vorpostens an der Elbe.

Während bei Lenzen nördlich der Elbe schon zur Zeit Karls des Großen slawische Burgwälle bestanden, kommt es am Höhbeck erst im 10. Jahrhundert zur Anlage solcher Befestigungen. Es wurden drei Burgwälle errichtet, deren genaues zeitliches Verhältnis zueinander allerdings noch nicht hinreichend bekannt ist. Etwa 800 m östlich der Vietzer Schanze liegt am nordöstlichen Steilabfall des Höhbeck die Schwedenschanze bei Brünkendorf. Außerdem wird die Moräneninsel des Höhbeck im Osten von dem Burgwall im Elbholz bei Gartow und im Westen von dem bei Meetschow flankiert. Diese im nördlichen Mitteleuropa ungewöhnliche Konzentration slawischer Burgwälle ist auf einen Altweg bezogen, der im Raum Höhbeck-Lenzen das Elbtal kreuzte. Gleichzeitig darf man in ihrem Bau eine allgemeine Reaktion auf die militärischen Auseinandersetzungen jener Zeit sehen: Im Winter 928/29 unternahm König Heinrich I. einen erfolgreichen Kriegszug gegen die Heveller. Daraufhin erhoben sich im August 929 die Wilzen und drangen über die Elbe vor; sie eroberten die 45 km südöstlich des Höhbeck gelegene deutsche Burg Walsleben an der Uchte. Ein gegen den Aufstand ausgesandtes deutsches Heer belagerte den Burgwall Lenzen und konnte im September 929 einen slawischen Entsatzversuch durch den Einsatz von Panzerreitern abwehren; daraufhin kapitulierte die Burg. Ende des 10. Jahrhunderts gipfelte der slawische Widerstand im großen Aufstand von 983, der die deutsche Herrschaft östlich der Elbe beseitigte. Nach dem Slawenaufstand gelangte die Hauptburg der Linonen und ihr Umfeld unter die Oberherrschaft des westslawischen Großstammes der Obodriten.

Die Schwedenschanze wird halbkreisförmig von einem Abschnittswall umschlossen, der bei einer maximalen Basisbreite von knapp 13 m noch eine Höhe von 3,1 m aufweist. Der vorgelagerte Graben ist 2,2 m tief und etwa 9 m breit. An der dem Strom zugewandten Seite, machten Steilabhänge Schutzbauten offensichtlich entbehrlich. Im Nordwesten der Anlage läuft der Wall nördlich eines Weges nach etwa 19 m aus; möglicherweise wurde er in diesem Bereich nicht fertiggestellt. Das kleine keramische Fundensemble ist der mittelslawischen Menkendorfer Gruppe des 10. Jahrhunderts zuzuweisen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutete C. Schuchhardt die Abschnittsbefestigung als einen slawischen Brückenkopf zur Sicherung eines Elbübergangs mit einer mutmaßlich kurzen Nutzungsdauer.

Inmitten des Hartholzauenwaldes Elbholz liegt ein kleiner slawischer Burgwall mit einem Durchmesser von 45 m. Der Wall mißt an der Basis 15 m und weist eine maximale Höhe von 2 m auf. Bei dem geborgenen Keramikmaterial handelt es sich um mittelslawische Scherben vom Typ Menkendorf. Große Mengen an Holzkohle, verkohlte Balken, rötlich gebrannte Lehmstücke, kalzinierte Silices und einige gesinterte Scherben belegen, daß die offenbar nur kurze Zeit genutzte Anlage durch einen Brand zerstört wurde.

Der Burgwall von Meetschow liegt auf der Spitze einer kleinen Halbinsel am Ostufer des Laascher Sees und überragt als markantes Geländedenkmal sein Umland um etwa 4 m. Nachdem eine durch Abschnittswälle geschützte Siedlung des 9./10. Jahrhunderts wegen des steigenden Grundwasserspiegels und zahlreicher werdender Hochwasser aufgegeben werden mußte, errichtete man an ihrer Stelle in mittelslawischer Zeit einen Ringwall. Die Vorderfront des 10 m breiten und 3 m hohen Walles bestand aus einer Kastenkonstruktion. In zwei Ausbauphasen wurde der Wall verbreitert und erhöht. Spätestens ab Phase 2 diente im Burginneren ein Holzrost der Erhöhung des Wohnhorizontes. Gegen Ende der dritten Bauphase verfiel die Anlage. Die gesamte Nutzungszeit des Burgwalles dürfte nach dendrochronologischen Untersuchungen 50 bis 60 Jahre nicht überschritten haben. Im 11. Jahrhundert wurde der Platz erneut befestigt. Der Wall der vierten Bauphase hat an der Basis eine Breite von rund 21 m und ist über 4 m hoch. Die Außenfront wurde durch eine Palisade aus dicht gestellten Rundhölzern gebildet. Zur vierten Bauphase gehört spätslawische Keramik. Die allgemeine zeitliche Einordnung wird durch eine 14C-Datierung gestützt. Die spätslawische Burg wurde ein Opfer der Flammen. Nach einer erneuten Auflassung erreichte der Burgberg in Phase 5 mit einem Durchmesser von etwa 80 m seine größte Ausdehnung. Der alte Wall wurde gekappt, das Erdreich nach außen geschoben. Diese Planierungsmaßnahme führte zu einer deutlichen Vergrößerung der bereits relativ hoch gelegenen Innenfläche über den Wallstumpf hinaus. Den Burgberg umgab ein vermutlich wassergefüllter Doppelgraben, der mit dem Laascher See über einen Stichgraben in Verbindung stand. Das neue Befestigungskonzept entspricht dem einer Turmhügelburg, einer sogenannten Motte, nach westeuropäischem Vorbild, die vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert bestand. Nachdem die Deichlinie entlang der Elbe weitgehend geschlossen war, begann sich der Hochwasserrückstau im Außendeichgebiet immer stärker auszuwirken und der Platz wurde verlassen.

Auf brandenburgischer Seite sind die Burg in der Ortslage von Lenzen und der Burgwall Neuehaus zu erwähnen. Von der mittelalterlichen deutschen Burg Lenzen ist der mächtige runde Bergfried aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts erhalten. Die deutsche Burg wurde auf einer slawischen Anlage gegründet. Jüngste archäologische Untersuchungen im Zusammenhang mit der Umgestaltung zur „Ökoburg" (http://www.burg-lenzen.de) erbrachten bereits für das 10. Jahrhundert den Nachweis einer slawischen Befestigung. Ob eine anläßlich der Schlacht bei Lenzen im Jahre 929 erstmals erwähnte Burg mit dieser Anlage in Verbindung zu bringen ist, bleibt unsicher. Möglicherweise bezieht sich die schriftliche Nennung auf den etwa 3,5 km südöstlich von Lenzen gelegenen, verschliffenen frühslawischen Burgwall Kapünchenort.

Etwa 5,5 km südöstlich von Lenzen befindet sich der frühslawische Wall Neuehaus, von den aus einst die ehemalige Mündung der Löcknitz in die Elbe kontrolliert und damit der Zugang zum zentralen Siedlungsgebiet der Linonen am Mittellauf der Löcknitz beherrscht werden konnte. Ebenso wie in Meetschow wurde auch hier im 12./13. Jahrhundert eine deutsche Turmhügelburg angelegt.

In den kommenden Jahren wird die Höhbeck-Region im Mittelpunkt archäologischer Arbeiten in Niedersachsen stehen. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt zur strukturgeschichtlichen Analyse der slawischen Epoche im unteren Mittelelbegebiet werden die fünf zentrale Fragenkomplexe Landnahme, Burgen, Besiedlungsmuster, Geofaktoren und Ostsiedlung untersucht:

Zeitpunkt sowie Art und Weise der slawischen Landnahme in Wendland, Prignitz und Altmark sind nicht mit hinreichender Sicherheit zu bestimmen. Das Ausmaß germanisch-slawischer Kontakte bereits zu Beginn der Neubesiedlung läßt sich somit nur schwer abschätzen. Auch bleibt das zeitliche Verhältnis zwischen slawischem Vordringen über die Elbe und fränkischem Vorstoß an die Elbe unter Karl dem Großen unklar. Fest steht aber, daß zwei ethnisch und politisch andersartig strukturierte, expansive Gemeinschaften aufeinandertrafen.

Der Beginn des slawischen Burgenbaus ist bislang zeitlich nicht eindeutig fixiert. Hier interessieren vor allem die Dauer einer möglicherweise burgenlosen ersten Phase slawischer Besiedlung und die Funktion der politische Autonomie bezeugenden Burgen in den Phasen fränkischer und deutscher Expansion unter den Karolingern, den Ottonen und während der Ostkolonisation. Damit verbunden sind Fragen nach den Ursachen des Burgenbaus im ethnischen Grenzraum, nach seinen Vorbildern und nach einem möglichen Bedeutungswandel der Burgen im Laufe ihrer Existenz.

Das slawische Besiedlungsmuster wird aus einem Mosaik von Burgen und unbefestigten Siedlungen unterschiedlicher Bedeutung gebildet. Unbekannt ist in diesem Netzwerk unter anderem die Zahl der Hierarchieebenen (Burgbezirksverfassung) und die konkrete Ausgestaltung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Burgen und agrarisch geprägtem Umfeld. Dabei sind zentrale Orte mit Bedeutungsüberschuß auch in einem ländlich geprägten Milieu zu erwarten, das in seiner Gesamtheit die ökonomischen Grundlagen sozialer Differenzierung lieferte.

Die Dynamik der Geofaktorenkonstellationen an den Standorten slawischer Siedlungen und damit das Ausmaß ihrer Umweltanpassung wurden bislang nur unzureichend untersucht. Da grundsätzlich eine regelhafte Siedelplatzwahl zu erwarten ist, ermöglicht die Kenntnis bevorzugter Eigenschaften der Naturraumparameter Aussagen über unterschiedliche Fundwahrscheinlichkeiten in einem Landschaftsraum (predictve modelling). Die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen Umwelt ist jedoch nicht durch ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis charakterisiert. Vielmehr gestaltet der Mensch seine Umwelt (Kulturlandschaft) und versucht dabei, die von der Natur gesetzten Grenzen - beispielsweise durch Deichbau oder Düngung - aktiv zu überschreiten.

Der Übergang von der slawischen zur deutsch geprägten materiellen Kultur fällt in die Zeit der europäischen Ostsiedlung, die unter anderem durch starke Bevölkerungsbewegungen und einen deutlichen Landesausbau charakterisiert ist. Dabei wird die Frage nach dem Ausmaß an Kontinuität zwischen den Epochen kontrovers diskutiert; dies läßt sich exemplarisch am für das Hannoversche Wendland so bedeutsamen Rundlingsproblem aufzeigen.

Die Beschäftigung mit diesen teilweise recht abstrakten, vom archäologischen Fundstoff abgehobenen, vielschichtigen Zusammenhängen bedarf zielführender Strukturierung des Stoffes und macht eine klare Trennung von gesichertem Wissen und Mutmaßungen erforderlich. In der Vergangenheit wurde dem in Arbeiten über diese Region nicht immer mit der notwendigen Stringenz entsprochen. Erst dann nämlich wird man das entworfene Geschichtsbild erfolgreich mit der Entwicklung in anderen westlichen Randlandschaften der slawischen Ökumene in Beziehung setzen und in raumübergreifende historische Zusammenhänge einordnen können. Regelhaftes, aber auch spezifische Eigenheiten lassen sich letztlich nur so erkennen und beurteilen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1  Frühgeschichtliche Besiedlung des Raumes Höhbeck-Lenzen. 1  Meetschow, 2  Vietze-Vietzer Schanze, 3  Brünkendorf-Schwedenschanze, 4  Lenzen-Burgberg, 5  Gartow-Elbholz, 6  Lenzen-Kapünchenort, 7  Lenzen-Neuehaus.

Literatur

Saile, T. 2003: Raum und Grenze: Karl an der Elbe. In: J. Eckert, U. Eisenhauer, A. Zimmermann (Hrsg.), Archäologische Perspektiven. Analysen und Interpretationen im Wandel. Festschrift für Jens Lüning zum 65. Geburtstag. Internationale Archäologie, Studia honoraria 20. Rahden 2003, 93-101.

Saile, T., Baade, K. 2003: Vermessung slawischer Burgwälle im Hannoverschen Wendland. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 72, 2003, 65-74.

 

Anschrift des Verfassers:

Dr. Thomas Saile

Georg-August-Universität

Seminar für Ur- und Frühgeschichte

Nikolausberger Weg 15

D-37073 Göttingen

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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 13. Januar 2011 um 13:55 Uhr