Slawen an der unteren Mittelelbe

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Archäologie Mecklenburg Vorpommern

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Untersuchungen zur ländlichen Besiedlung, zum Burgenbau und zu Besiedlungsstrukturen an der Nordgrenze des linonischen Siedlungsgebietes

Landesamt für Bodendenkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern

Das Ziel des von der DFG geförderten Projektes ist es, neue Erkenntnisse zur slawischen Besiedlungsgeschichte und zur Herausbildung der sozialen Differenzierung bei den Slawen im südlichen Teil Mecklenburgs zwischen Elbe, Elde, Warnow und der mecklenburgisch-brandenburgischen Landesgrenze zu gewinnen. Im südlichen Mecklenburg hat sich eine Konzentration slawischer Burgen erhalten, aus deren Umfeld zahlreiche, durch Oberflächenfunde zu erschließende zeitgleiche Siedlungsplätze bekannt sind. Burgen und Siedlungen können somit als Elemente abgegrenzter Siedlungsräume oder -kammern gedeutet werden. Folgt man den wenigen zeitgenössischen Schriftquellen des 9. Jahrhunderts, so gehörte der Untersuchungsraum zum nordelbischen Siedlungsgebiet der Linonen und bildeten somit das Grenzgebiet zum karolingisch-fränkischen Reich.

Um das oben genannte Ziel zu erreichen, sind umfangreiche Prospektionsarbeiten (Begehungen, Bohruntersuchungen, Geophysik) und Sondagen sowie Ausgrabungen in begrenztem Umfang vorgesehen. Im Mittelpunkt steht dabei der Burgwall von Friedrichsruhe, Lkr. Parchim, der ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen für organisches Material bietet und aus dessen Umfeld mehrere; offensichtlich unbefestigte slawische Siedlungsplätze durch Oberflächenfunde bekannt sind. Es ist vorgesehen, sowohl die Burginnenfläche als auch den Wall und die Vorburg partiell auszugraben sowie einige der genannten Siedlungsplätze im Nahbereich der Burg durch Begehungen und Suchschnitte zu untersuchen.

Der Burgwall Friedrichsruhe
Bei dem Burgwall handelt es sich um eine im Grundriss unregelmäßig rechteckige Niederungsburg von ca. 100 x 80 m äußerer Grundfläche. Östlich der Burg ist eine ca. 120 m im Durchmesser große Vorburgsiedlung vorgelagert. Der nördliche Teil der Anlage wurde in den 20er Jahren des 19. Jh. durch den ansässigen Bauern abgetragen, so dass nur noch ca. 70% des Burgwalles erhalten sind. Innerhalb der Burginnenfläche ist die Kulturschicht noch bis zu einer Mächtigkeit von 2 m erhalten.


Blick auf die Kästen I und II während der Freilegung. Im Hintergrund sind die Kästen III und IV zu erkennen.


Kasten I mit Verfüllung aus hellem Sand und einzelnen Wurzeln.

Systematische Oberflächenabsammlungen im Bereich der Vorburgsiedlung erbrachten umfangreiches Fundmaterial, das aus einer großen Anzahl von Keramikscherben (ca. 70% Menkendorfer Ware) aber auch Tierknochen, eisernen Gegenständen, Wetzsteinen, Spinnwirteln und Eisenschlacken bestand. Des weiteren konnten westlich der Burg am Mühlenbach Holzbohlenfragmente und Pfähle geborgen werden, die als Hinweise auf eine den Mühlenbach querende Brücke zu sehen sind. Drei Hölzer konnten dendrochronologisch datiert werden (Kernsplintgrenze) und belegen Bauphasen im späten 9. und 10. Jh. (778±; 828± und 982±, Herrmann und Heußner, AuF 1991, 270). Aus dem Mühlenbach konnte weiterhin bei Baggerarbeiten ein Schwert des Typs Petersen M (9./10. Jh.) geborgen werden.


Freilegung der Holzlage unterhalb der Kästen I und III (Kasten I ist im Hintergrund zu erkennen, im Vordergrund Spaltbohle mit verziertem Kopf)



Ösenbalken am äußeren Wallfuß

Im dem unmittelbarem Nahbereich der Anlage sind fünf frühmittelalterliche Fundplätze bekannt, die als Hinweise einer dichten Besiedlung im Umfeld der Burg angesehen werden können.

Stand der Arbeiten
Im Bereich des durch den Abtrag gestörten Burgwalles wird seit dem 1. September 2004 in einem 20 x 5 m großem Schnitt die Wallkonstruktion untersucht. Dabei konnte der Wall auf seiner gesamten Breite erfasst werden. Der Wallkern bestand aus zwei Reihen hintereinandergesetzter, mit Sand und Siedlungsmaterial verfüllten Bohlenkästen, von denen noch bis zu vier Holzlagen erhalten waren. Die innen und außen gesetzten Wallfüße bestanden aus kastenähnlichen Spaltbohlenkonstruktionen, in denen mehrere Verfüllschichten aus quer und längs zur Streichrichtung des Walles liegenden Weichhölzern nachgewiesen werden konnten. Unterhalb der Kästen I und III - insgesamt konnten vier Kästen dokumentiert werden - kamen weitere sekundär verlagerte und zumeist bearbeitete Bohlen zutage, die als Substruktion der Holzkästen zu interpretieren sind, die ihr Einsinken in den torfigem Untergrund verhindern sollten. Unter den Hölzern befand sich auch eine 2,6 m lange Stabbohle mit verziertem Kopf, die an die Kopfbohlen aus Groß Raden erinnert. Ob es sich bei der Holzlage um eine ältere Wallphase oder sogar um Hinweise auf eine offene Vorgängersiedlung handelt, kann erst nach Analyse der zur Zeit laufenden dendrochronologischen Untersuchungen beantwortet werden.


Blick über den Schnitt in den Burginnenraum (von Westen)



Holzlage unterhalb von Kasten I

Das Fundmaterial setzt sich größtenteils aus Keramik und Tierknochen zusammen. Bei der Keramik handelt es sich in der Regel um Scherben der Menkendorfer Ware, vereinzelt treten auch die Feldberger und Sukower Warenarten auf. Mit wenigen Stücken sind Wetzsteine und Spinnwirtel überliefert. Zahlreich fanden sich auch Schmiedeschlacken. Eine Knochennadel, das Fragment eines Knochenpfriems und ein Bronzefragment, bei dem es sich wohl um einen Messerscheidenbeschlag handelt, vervollständigen das Fundgut.

Zusätzlich zu den Grabungsarbeiten wurden archäologische Prospektionen durchgeführt. Im Rahmen eines "Speziallistenlagers", bei dem Schüler mit den Methoden archäologischer Forschungen  vertraut gemacht werden sollen, wurden die Vorburgsiedlung der Burg sowie der Fundplatz Raduhn, Lkr. Parchim, Fpl. 8 begangen. Dabei konnte Keramik des 9./10. Jh. geborgen werden. Der Fundplatz Raduhn 8 erbrachte weiterhin auch spätslawische und frühdeutsche Scherben.

Ausblick
In den Wintermonaten werden die Grabungsarbeiten am Burgwall Friedrichsruhe durch geophysikalische Messungen im Burginnenraum sowie in der Vorburgsiedlung ergänzt, die dann im nächsten Jahr großflächig untersucht werden soll. Weiterhin werden auch der Fundplatz Raduhn 8 sowie die im unmittelbarem Nahbereich der Burg gelegenen Fundplätze 13 und 21 geophysikalisch untersucht.

Die Grabungsarbeiten werden ab März/April des nächsten Jahres in der Vorburgsiedlung fortgesetzt. Die Vorhaben des Archäologischen Landesmuseums werden dabei durch jeweils dreiwöchige Lehrgrabungen der Universitäten Rostock (PD Dr. H. Jöns) und Münster (PD Dr. F. Nikulka) unterstützt. Weiterhin soll ein weiteres "Speziallistenlager" in Friedrichsruhe stattfinden.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 01. Oktober 2013 um 09:55 Uhr