Slawen an der unteren Mittelelbe

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Vegetationsgeschichte

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Paläoökologische Untersuchungen über die Entwicklung der Pflanzendecke zur Slawenzeit - ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Umwelt und Besiedlung in der westlichen Peripherie des slawischen Siedlungsraumes

Prof. Dr. Hans-Jürgen Beug, Abteilung für Palynologie und Klimadynamik, Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Göttingen

Dr. Susanne Jahns, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum, Wünsdorf

Dipl.-Biol. Jörg Christiansen Abteilung für Palynologie und Klimadynamik, Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Göttingen

Forschungsvorhaben

Ziel der Untersuchungen ist die Vegetationsentwicklung im Hannoverschen Wendland, der westlichen Prignitz, dem südlichen Mecklenburg und den angrenzenden Gebieten für die Zeitscheibe von etwa 1000 v.Chr. bis 1400 n.Chr. im Rahmen einer engen Verbindung mit den archäologischen Projekten. Die Einbeziehung der vorslawenzeitlichen Abschnitte dient dem Verständnis der Vorgänge, die zu dem Zustand der Pflanzendecke bei Beginn der Slawenzeit geführt haben. Ziel der Untersuchungen ist ferner die Siedlungsdynamik und die Abhängigkeit der slawenzeitlichen Siedlungsvorgänge von der jeweiligen Ausstattung der Böden und Vegetation in den einzelnen Landschaften des Untersuchungsgebietes zu erfassen. Erforderlich sind gut datierte Untersuchungen mit hoher zeitlicher Auflösung im Bereich der slawenzeitlichen Siedlungskammern sowie eine den derzeitigen Kenntnisstand ergänzende Übersicht über die wesentlichen vegetationsgeschichtlichen Vorgänge in den einzelnen Landschaften.

Der für die Untersuchungen vorgesehene Zeitraum fällt in die Nachwärmezeit (Subatlantikum, Firbas-Pollenzonen IX und X), deren Beginn mit 700 - 800 v. Chr. angesetzt wird. Die Zeit der slawischen Besiedlung fällt vor allem in den jüngeren Teil der älteren Nachwärmezeit. Für die Waldgeschichte ist es insofern ein Zeitraum geringer Dynamik, als in dem geplanten Untersuchungsgebiet die von einwanderungsgeschichtlichen Faktoren gesteuerten waldgeschichtlichen Prozesse im wesentlichen um Christi Geburt ein Ende fanden. Damals hatten sich die wichtigsten Waldbäume bereits im Untersuchungsgebiet eingefunden, und es war meist schon zu einem gewissen ökologischen Gleichgewicht in den Waldgesellschaften gekommen. Wohl auch wegen dieser geringen waldgeschichtlichen Dynamik ist der Zeitraum des ersten nachchristlichen Jahrtausends im Untersuchungsgebiet bislang selten Gegenstand intensiver vegetationsgeschichtlicher Studien gewesen. Spezielle und moderne Untersuchungen zu den slawenzeitlichen Vegetationsverhältnissen und -veränderungen fehlen bislang. Der Forschungsstand ist somit im Vergleich mit anderen mitteleuropäischen Landschaften eher unzureichend und der Forschungsbedarf groß, zumal selbst verschiedene Grundzüge der nacheiszeitlichen Vegetationsentwicklung hier noch nicht hinreichend bekannt sind. Dieser offensichtliche Forschungsbedarf kann nur gedeckt werden, wenn hochauflösende, hochausgezählte und gut datierte Pollendiagramme erarbeitet werden. Beispiele für den erfolgreichen Einsatz solcher Untersuchungen für die Siedlungsgeschichte hat es in den letzten Jahren vereinzelt gegeben, nur einzelne betrafen dabei das slawische Siedlungsgebiet.

Für die Zeit der slawischen Besiedlung ist die Kenntnis der kontemporären Vegetation und ihrer Veränderungen von Bedeutung, da die Pflanzendecke einen wichtigen Teil der Umwelt der damaligen Bevölkerung darstellte und Art und Ablauf eines Siedlungsgeschehens vorteilhaft oder nachteilig beeinflussen konnte. Die damit verbundenen, für siedlungsgeschichtliche Fragen wichtigen Erkenntnisse werden vor allem durch vegetationsgeschichtliche Untersuchungen an pollenführenden Ablagerungen und durch archäobotanische Studien gewonnen. An geeigneten Ablagerungen kann man vegetationsgeschichtliche Untersuchungen zu Fragen nach Siedlungsintensitäten und -dynamik sowie zu früheren Landnutzungsstrategien mit so hoher zeitlicher Auflösung durchführen, wie das mit keiner anderen Methode möglich ist. Soweit es sich um archäologische Untersuchungsobjekte im Altmoränengebiet handelt, lassen sich palynologische Arbeiten an Archiven in unmittelbarer Nähe etwa zu Grabungen nur ausnahmsweise realisieren, während das im Jungmoränengebiet meist möglich sein dürfte.

Für die Zeit der slawischen Besiedlung ist zu erwarten, dass Vegetationsveränderungen nicht mehr auf einwanderungsgeschichtliche Ursachen, sondern im wesentlichen auf anthropogene Einwirkungen zurückzuführen sind. Es ist noch im Rahmen des Projektes zu klären, ob und wie weit klimatische Veränderungen die Vegetations- und Siedlungsvorgänge damals erkennbar beeinflussen konnten. Wegen des Fortfalls einwanderungsgeschichtlich bedingter Ereignisse bietet der hier in Aussicht genommene Zeitraum die Möglichkeit, Änderungen in der Pflanzendecke als Folge von nur zwei Faktoren - menschliche Eingriffe und Klimaänderungen - betrachten zu können.

Es ist zu klären, inwieweit der Zustand der Pflanzendecke zu Beginn der slawischen Besiedlung noch durch frühere Siedlungsvorgänge beeinflusst bzw. geprägt war (u.a. germanische Besiedlung, völkerwanderungszeitliche Besiedlungslücke). In ähnlicher Weise müssen über das Ende der slawischen Besiedlung hinaus die Auswirkungen der folgenden siedlungsgeschichtlichen Vorgänge bekannt sein, um Erkenntnisse über die vegetationsgeschichtliche Signifikanz der Beendigung der Slawenzeit gewinnen zu können. Man muss daher für die vegetationsgeschichtlichen Untersuchungen von einem erweiterten Zeitraum ausgehen, der mindestens von der Bronzezeit und der vorrömischen Eisenzeit bis zum späten Mittelalter reicht. Da in den einzelnen Gebieten der landschaftsspezifische Verlauf der Vegetationsentwicklung nicht bekannt ist, müssen hier Untersuchungen einsetzen, die - sofern möglich - gleichzeitig über die Entwicklung der Vegetation im Umfeld der Siedlungskammern Aufschluss geben.

Hiervon ausgehend soll versucht werden, Archive in den Siedlungskammern selber zu untersuchen. An dafür geeigneten Archiven, nämlich an solchen mit einer hohen Sedimentationsrate in der Slawenzeit, soll mit palynologischen Untersuchungen hoher zeitlicher Auflösung versucht werden, Aussagen zu den Landnutzungsstrategien und zur Siedlungsdynamik in diesem Zeitraum zu gelangen.

Die Ergebnisse archäobotanischer und dendrochronologischer Untersuchungen sollen in dem Maße einbezogen werden, in dem geeignetes Material durch Grabungen verfügbar wird.

Laufende Arbeiten:

Die aktuellen palynologischen Arbeiten teilen sich folgendermaßen  auf:

S. Jahns

Südliches Mecklenburg: An einem Profil aus dem Löddigsee bei Parchim ist ein hochauflösendes Standard-Pollendiagramm kurz vor dem Abschluss. Es enthält ungefähr einen Meter slawenzeitliche Ablagerungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kern Löddigsee

Brandenburg: Aus der Grabung der „Königsburg" Lenzen steht ein 6 m langes slawenzeitliches Profil zur Verfügung.   Mit der Bearbeitung wurde begonnen.

 


J. Christiansen

Nördliche Altmark: Aus dem Arendsee stehen mehr als 6 m Profil zur Verfügung die zur Zeit untersucht werden.

Westliche Prignitz: An einem Profil aus dem Rambower Moor ist ein Pollendiagramm kurz vor dem Abschluss.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 21. Januar 2010 um 14:35 Uhr